 |
textbasis |
aktionskomitee |
www.redefreiheit.net
> #
datei drucken # <
|  |
| |
GEORG FÜLBERTH
STREIK FÜR ALLE?
Die unterste Verwaltungseinheit der Philipps-Universität in Marburg heißt Institut, sein Leitungsgremium ist das Direktorium. Dieses tagt jeden zweiten Mittwoch um neun Uhr früh. Auf der ersten Sitzung im Wintersemester, Ende Oktober, teilte die studentische Vertreterin höflich mit, man erwäge einen Streik gegen die schlechten Studienbedingungen, und man wisse gern, wie sich denn die Professoren dazu stellten. Das klang nicht herausfordernd, sondern eher bittend. Es war zu spüren: die Fragerin und ihre Basis hätten sich wohler gefühlt, wenn gar nicht erst der Eindruck entstanden wäre, sie hätten irgendetwas im Sinn, was ihren Professoren vielleicht mißfallen könnte.
Der Geschäftsführende Direktor wiegte den Kopf: man finde das Anliegen der Studierenden berechtigt, schließlich kenne man selbst die Not: für den Rest des Jahres könnten keine Bücher mehr gekauft werden, der Bibliotheks-Etat sei um 10.000 Mark überzogen. Andererseits sei ein Streik wohl nicht das rechte Mittel. Wie schnell sei ein Loch ins Semester gerissen, danach falle der Neuanfang schwer, und am Ende herrsche Katzenjammer.
Der letzte Streik war 1993 gewesen, der vorletzte 1988, und alle waren so verlaufen, wie er es geschildert hatte. Auch die älteren Studierenden waren skeptisch. Einer sagte: jeder streike während seines Studiums nur einmal.
Zur Lustlosigkeit der Erfahrenen trug bei, daß sie nichts Neues zu entdecken vermochten. Die Professoren erinnerten sich, daß seit einem Vierteljahrhundert im selben Vokabular geklagt werde: Bildungsnotstand, Mittelkürzungen, Misere, staatliche Reglementierung. Nun hatte sich die Lage inzwischen wirklich sehr verschlechtert. Da aber die Sprache schon in den siebziger Jahren auf den Ernstfall eingestimmt war, hatte sie jetzt keine Reserven mehr.
Ein Kollege erzählte vor einiger Zeit entgeistert von einer festlichen Gelegenheit, zu welcher die Nachbar-Universität Gießen in ein ländliches Schlößchen, welches ihr gehörte, eingeladen hatte. Der dortige Präsident hatte den Empfang mit den Worten eröffnet: "Meine Damen und Herren, wir sind pleite". Seine Zuhörerinnen und Zuhörer seien wohlgenährt und gut gekleidet gewesen, das Kalte Buffet war vorzüglich wie immer, eine bezahlte Jazzband spielte, und allen hatte es gut gefallen.
Nun waren die beiden mittelhessischen Universitäten - Marburg und Gießen - im Herbst 1997 von einer sehr großen Zahl von Studienanfänger(inne)n überschwemmt worden, die ihre Erfahrungen zum ersten Mal machten und keineswegs den Eindruck hatten, in einem alten Stück aufzutreten zu müssen. Der Geist der Resignation, auf den sie stießen, machte sie nur noch rebellischer.
Vielleicht hatte der Streik, der dann im November von einer Vollversammlung offiziell ausgerufen wurde, schon lange vorher, in früheren Semestern, begonnen, war aber zunächst in einer Latenzphase geblieben. Irgendwelche Studienreform-Kommissionen in Bonn und nach ihnen die Kultusministerien hatten vorgeschrieben, daß im Hauptstudium eine riesige Zahl von Stunden zu belegen sei. Nur in einer Minderheit der so frequentierten Seminare mußte man aber Referate halten, sonst wäre es wirklich zu viel gewesen. Deshalb wurde der sogenannte "Sitz-Schein" eingeführt: man nimmt teil, muß nichts tun und bekommt am Ende ein Papier, das die Anwesenheit bescheinigt. Zu Beginn jedes Semesters suchen die Dozenten händeringend Referentinnen und Referenten für die von ihnen vorbereiteten Themen, finden immer nur zu wenige und quälen sich und die Studierenden durch ein ziemlich stupides Semester. In den Sitzungen macht sich auf beiden Seiten eine Stimmung der Selbstverachtung breit, und nach einiger Zeit wirkt die überfüllte Universität merkwürdig leer.
Das Übel könnte behoben werden, wären die Professoren bereit, statt der Seminare mehr Vorlesungen anzubieten, die man ja wirklich - falls sie gut sind - mit Gewinn anhören kann, ohne ein Referat abzuliefern. Das geschieht aber selten, und es mag der Eindruck entstehen, die Arbeitsmoral der oft erstaunlich smarten Gelehrten sei durch angenehmere anderweitige Verpflichtungen gebunden. Erhöbe jemand diese Anklage, käme wohl die Antwort, angesichts der finanziellen Austrocknung der Universität seien solche lehrfernen Engagements, die zum Einwerben von Drittmitteln führen könnten, nicht schädlich, sondern verdienstlich.
Die Studierenden des ersten Semesters hatten keinen Anlaß, diese Arrangements zu begreifen oder zu akzeptieren. Sie überholten sofort auch die Interessenvertretungen, welche schon gewählt waren, bevor sie an die Uni kamen. Die AStA-Vorsitzende in Marburg, eine kluge und zurückhaltende Person, erklärte ihnen, sie werde sie nicht zu Aktionen auffordern, die die Anfänger(innen) sich schon selber einfallen lassen müßten. Falls sie etwas unternehmen wollten, werde sie ihnen selbstverständlich behilflich sein.
Als in der überfüllten Vollversammlung dann der Streik ausgerufen wurde, gab es Rangeleien um den Ziel Katalog. "Gegen Bildungsabbau!" - das war Konsens. Unklar blieb zunächst, ob es auch "Gegen Sozialabbau" heißen solle. Einige argumentierten, das habe mit den eigenen Interessen doch nicht so viel zu tun.
Mit den Ausschlag gab für diesmal die Rede eines örtlichen DGB-Funktionärs. Auch er hat Misere. Die Kreisverbände Marburg und Gießen des Deutschen Gewerkschaftsbundes waren vor ein paar Jahren zusammengelegt worden, weil sich der DGB in Mittelhessen keine zwei hauptamtlichen Apparate mehr leisten kann. Der vor Ort verbliebene Rest-Sekretär arbeitet daran, ein Bündnis gegen den sozialen Kahlschlag zustande zu bringen. Zu einer seiner Versammlungen fand sich auch die Dekanin der Evangelischen Kirche sein. Ihr Sprengel hat ein Loch in der Kasse, und sie weiß nicht mehr so recht, wie sie den Kindergarten und die Familienbildungsstätte finanzieren soll. Die kirchliche Bitte an Landrat und Magistrat, sie möchten doch bitte einspringen, hatte bislang keinen Erfolg. Beide antworteten, sie hätten auch nichts. Am Buß- und Bettag, der wegen Entlastung der Arbeitgeber bei der Finanzierung der Pflegeversicherung ja nicht mehr arbeitsfrei ist, trafen sich Gewerkschafter und Christen in der Lutherischen Pfarrkirche zu einem Bitt-Gottesdienst für soziale Gerechtigkeit.
Die studentische Vollversammlung wandte sich also auch gegen den Sozialabbau. Dafür wurde eine Feministin, die eine Quotierung der Redeliste verlangte, ausgebuht.
In den nächsten Tagen war dann fast das ganze Establishment für den Streik. Die rot-grüne Landesregierung erklärte, Waigel sei schuld, und sie legte nahe, 1998 in Bonn einen Wechsel herbeizuwählen. Die Antwort darauf kam von der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung für Deutschland". Sie begrüßte den Streik. Er enthülle die Katastrophe der Öffnungspolitik, die seit Jahrzehnten betrieben worden sei. Damit die wirklich Begabten zügig studieren könnten, müsse der Zugang zu den Hochschulen selektiver gestaltet werden. Unter dieser Voraussetzung erst sei es sinnvoll, ein Ende der Sparpolitik zu verlangen.
Die ortsansässigen Gliederungen der Regierungsjugend brauchten ein paar Tage, um die ihnen so vorgegebene Linie zu begreifen. RCDS, Junge Union und Liberale Hochschulgruppe billigten die meisten Streik-Forderungen, hielten den Veranstaltungsboykott aber für das falsche Mittel. Als dann aber der Vorstandsvorsitzende der Frankfurter Börse eine Gruppe von Studierenden, welche den Geld-Tempel besetzten wollten, höflich hereinbat, die jungen Leute mit heißem Kirschsaft bewirtete, ihnen 26 Personalcomputer spendierte und zusätzliche Praktikantenstellen zur Verfügung stellte, war ein Signal gegeben, das auch in der Provinz nicht mehr übersehen werden konnte. Schon ein paar Tage vorher hatten Jura-Studenten an die Teilnehmer(innen) einer Demonstration, der sie sich selbst nicht anschließen wollten, wenigstens Glühwein ausgeschenkt. Der Börsenchef machte auch Reformvorschläge: Knapp bemessene Studienzeiten, mehr Konkurrenz zwischen den Hochschulen. Schon vor dem Streik hatten das Uni-Ranking des "Focus" und Roman Herzogs zweite Ruck-Rede zu zeigen versucht, wo es jetzt langzugehen habe.
Solche Parolen werden nicht nur in die Bewegung hineingesendet, zuweilen werden sie auch dort selbst vertreten. Sie sind ebenso in der Minderheit wie jene Losung, die natürlich wieder einmal mit Ölfarbe an eine Institutswand gemalt wurde: "Die Menschheit wird erst dann befreit sein, wenn der letzte Kapitalist an den Därmen des letzten Bürokraten aufgehängt ist. Paris, Mai 1968".
Zukunftsminister Rüttgers beschwichtigt: Das sei nicht typisch.Vor dreißig Jahren war das politische und ökonomische Establishment zwar nicht einig, aber es setzte sich folgende Linie durch: Öffnung und relativ großzügige Finanzierung der Hochschulen, Abflachung der Hierarchien. Die Studentenbewegung hatte Systemsprengendes vor, doch ihr Druck wirkte objektiv in dieselbe Richtung.
Heute verstehen die politischen und wirtschaftlichen Eliten unter Reform etwas ganz anderes: Selektiver Hochschulzugang, schnelle Entsorgung mit minderen Studienabschlüssen, Mobilisierung durch Konkurrenz um knapp gehaltene Mittel.
Eine neue Studierendenbeweung, die dagegen angeht, hätte, anders als 1968, keinen Rückenwind. Deshalb wird der innere Polarisierungsdruck stark sein. Gelänge eine Vereinheitlichung gegen die Verlockungen von FAZ, Börse, "Focus" und Herzog: das wäre zugleich sehr schwer und interessant.
Verändert veröffentlicht in: Freitag Nr. 49, 28. November 1997, S. 3.
|
| |
 | |  |
|
nach oben
^
nach oben
^
nach oben
^
nach oben
^
|