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GEORG FÜLLBERTH:
ÜBER DIE KLASSENKÄMPFE AUF DER UNI

(...)Bildungskatastrophe" ausgerufen worden. Das war kurze Zeit vor 1968. Der Alarm kam mitten aus dem Establishment. Es war die Periode der Vollbeschäftigung. Die Unternehmer mußten für die knapp gewordene
Arbeitskraft hohe Löhne zahlen. Ausländische Arbeiterinnen und Arbeiter wurden angeworben, aber das tat man eigentlich nicht gern:
Zwar hoffte man, dadurch die Konkurrenz unter den Lohnabhängigen wieder etwas beleben zu können, aber das völkische Gewissen wurde doch arg geplagt.
Deshalb setzte man zugleich darauf, die Zahl der Akademiker(innen) zu vermehren. Vielleicht konnten sie Maschinen erfinden, mit deren Hilfe dann die Arbeiter(innen) überflüssig zu machen waren.
Da man eine solch wertvolle Elite nur erhält, wenn die Basis ausreichend ist, war man auch dazu bereit, mehr Lehrer(innen) einzustellen. Das Abitur-Monopol der Gymnasien wurde mithilfe von Gesamtschulen geknackt, und Arbeiter(innen)-Kinder wurden in die Universitäten geprügelt. Letztere mußten natürlich ebenfalls kräftig ausgebaut werden. Die reaktionären Ordinarien standen einer solchen Politik im Wege. Doch gab es eine linke Studentenbewegung. Sie wollte zwar etwas anderes als Kabinett und Kapital - nämlich Systemüberwindung -, aber objektiv half sie letztlich, jenes Maß an Reformen durchzusetzen, das auch diese damals für nützlich hielten. Geld war da. Die Wirtschaft brummte, der Staat war bereit, sich für den guten Zweck zu verschulden, und da der Internationale Währungsfonds gerade Sonderziehungsrechte ausgeschüttet hatte, war die westdeutsche Gesellschaft schön liquide. Das ging aber nur bis ca. 1973. Dann schalteten Bundesbank, Regierung und die angeblichen Fünf Weisen auf einen sogenannten Stabilitätskurs, also auf das Kaputtsparen um. Im selben Jahr verbot das Bundesverfassungsgericht die Drittelparität an den Universitäten. Die gesamte Hochschulgeschichte seit 1973 kann als ein kontinuierlicher Prozeß verstanden werden, in dem die früheren Reformen wieder zurückgenommen werden sollen. Sie sind zu teuer geworden und werden außerdem nicht mehr gebraucht: die Arbeitslosenrate ist hoch, die Löhne sind niedrig, Akademiker gibt es, so hört man, genug oder zu viel. Mit anderen Worten: die Reformen von gestern sind die Investitionsruinen von heute.
Gegen den Kurswechsel von 1973 gab es von Anfang an Proteste und immer wieder auch Vorlesungsboykotte. Sie wurden zumindest von den großen Medien wenig beachtet.
Jetzt, 1997, ist das plötzlich anders. Die Hochschulstreiks stießen auf große öffentliche Resonanz. Das hat mindestens drei Gründe.
Erstens: Vielleicht ist jetzt wirklich eine Schmerzgrenze überschritten.
Zweitens: Nächstes Jahr ist Bundestagswahl. Die beiden Hauptlager versuchen möglichst jede Verschiebung, die jetzt entsteht, entweder auf ihre Seite zu ziehen oder, wenn das nicht geht, zu neutralisieren. Drittens: Die Kabinette in Bund und Ländern, die Unternehmer und die ihnen eng verbundenen großen Medien wittern eine Chance, die neue Bewegung an den Hochschulen flexibel für sich zu nutzen. Jawohl, so tönen sie, Reformen sind nötig, nämlich: Restriktiver Hochschulgang, Entsorgung der Massen nach Kurzstudiengängen, Förderung für die verbleibenden Eliten, und dies alles zum Heile des Standorts Deutschland im globalen Wettbewerb. Falls die Studierenden für solche Zwecke streiken wollten, hätten sie durchaus das Wohlwollen der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" und der Frankfurter Börse. Beide haben dies ihnen schon zugesichert.

Da heißt es: Aufgepaßt!

In: unsere zeit (uz) Nr. 49, 5. Dezember 1997, S.2.
10. April 1998 | Texte

 
 
 

































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