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und die Anforderungen an linke Hochschulpolitik

(im Prisma aktueller demoskopischer Erhebungen)

Einleitung:
Der Stellenwert politischer Sozialisation an Hochschulen
Wie Studierende ihre Erfahrungen in Gesellschaft und Hochschule politisch deuten und verarbeiten ist für jedes Gemeinwesen insofern von zentraler Relevanz, als an den Hochschulen dessen Funktionselite ausgebildet wird. Dieser Aspekt mag sich in dem Maße relativieren, wie die wissenschaftlich-technische Intelligenz in der spätkapitalistischen Industriezivilisation zur sozialen Massenschicht wird. Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, daß auch unter Bedingungen, wo mehr als 30% eines Altersjahrganges studieren (Tendenz steigend), die Hochschulen das entscheidende Rekrutierungsfeld für die in Gesellschaft, Wirtschaft und Staatsapparaten führenden Gruppierungen sind. Politik an der Hochschule ist daher unter dem Gesichtspunkt der Auseinandersetzung um die politisch-ideologische Orientierung der werdenden Intelligenz von herrschaftsstrategischer Bedeutung.
Im Alltagsbewußtsein der letzten 20-30 Jahre galten Studierende der alten Bundesländer in Relation zum Bevölkerungsquerschnitt als "überdurchschnittlich" links. Dies war nicht allein meßbar an "passiven" wahlpolitischen Präferenzen, bei denen seit Anfang der 80er Jahre "rot-grüne" Konstellationen immer auf 60-80%ige Zustimmung rechnen konnten, es war auch - was im Grunde noch wichtiger ist - ein Kriterium unmittelbarer Handlungsbereitschaft und direkt-demokratischer Selbstorganisation. Als kennzeichnend für Studierende galt "die Verknüpfung ...... ausgeprägt demokratischen Verantwortungsgefühls mit einer prinzipiellen Protestbereitschaft". (Kiel 1996, 14) In den sog. Neuen sozialen Bewegungen (insbesondere Frauen-, Ökologie- und Friedensbewegung) der 70er- und 80er-Jahre bildeten Studierende oder durch die StudentInnenbewegung geprägte Menschen ein wichtiges politisch-organisatorisches Ferment.
In dem Zusammenhang ist daran zu erinnern, daß diese (relative) linke Meinungsführerschaft unter Studierenden in der Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft in Deutschland eher eine Ausnahmeerscheinung und - vor allem - erst jüngeren Datums ist. Sieht man von einer widersprüchlich zu bewertenden "national-freiheitlichen" Phase während des deutschen Vormärz ab, waren spätestens ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Studierenden in ihrer überwältigenden Mehrheit ein zuverlässiges, (partiell sogar reaktionär-aktivistisches) Rekrutierungspotential der konservativen Eliten in Staat und Gesellschaft (vgl. dazu: Elm/Heither/Schäfer 1992). Noch bis in die frühen 60er Jahre stellten Korporationen den größeren Teil der Allgemeinen StudentInnenausschüsse. Die Entwicklung einer linken Hegemonie steht in einem eindeutigen Zusammenhang mit dem gesellschaftlichen und politischen Aufbruch ab Mitte der 60er Jahre. Die 68er-Studentenbewegung war Ausdruck und zugleich (mit) treibende Kraft dieses Aufbruchs.
Der Politologe Wolfgang Kraushaar beschrieb 1989 (S. 338) plastisch den Entwicklungsbogen: "In der Folge der Revolte am Ende sechziger Jahre war die Studentenschaft überdurchschnittlich politisiert geblieben. Zum ersten Mal in Deutschland war die Linke in der Majorität; die Zusammensetzung des VDS (Vereinigte Deutsche Studentenschaft = Dachverband der ASten bis 1990; d. Verf.) zeigt das ganz eindeutig. Der Politisierungsschub, den der bereits 1970 aufgelöste SDS freigemacht hatte, büßte im universitären Rahmen für lange Zeit nur wenig von seiner Überzeugungskraft und Mobilisierungsfähigkeit ein. Bis zu Beginn der achtziger Jahre ist er von den sich rasch abwechselnden Studentengenerationen weitergereicht worden. Erst jetzt scheint sich, nicht zuletzt unter den Auswirkungen der neokonservativen Bonner Regierungspolitik, eine Neuzusammensetzung der Studentenschaft so weit vollzogen zu haben, daß die sozialistischen Grundströmungen unter ihren aktiven Teilen über keine ausreichende Bindekraft mehr verfügen."
Seit längerem deutet in der Tat einiges darauf hin, daß sich die Nachhaltigkeit des durch die 68er-Revolte ausgelösten linken Politisierungsschubes erschöpft hat, allerdings ohne bereits von einer eindeutigen politischen Richtungsänderung sprechen zu können. Es handelt sich vielmehr um eine komplexe Übergangssituation. Deren Spezifik wird durch moralisierende Verdikte gegen die "Entpolitisierung" - deren Emphase sich im Regelfall aus nostalgischen Erinnerungen (häufig verkrachter Politfunktionäre) an frühere Protestformen speist, die objektiv keine gesellschaftliche Grundlage mehr haben - ebenso verfehlt, wie durch einen bloß beobachtenden Fatalismus, den (auch hier notgedrungen verwendete) Begrifflichkeiten physikalischer Herkunft (Schub, Bindekraft, Nachhaltigkeit) tendenziell suggerieren. Erstens ist politische Bewußtseinsentwicklung gerade an den Hochschulen niemals nur ein nachgeordneter Reflex gesellschaftlicher Trends bzw. des allgemeinen politischen Mainstreams (eben heute "konservativ-technokratisch") gewesen. Sie vollzog und vollzieht sich in aktiver Auseinandersetzung mit Angeboten politischer Realitätsdeutung und wahrgenommenen Handlungsmöglichkeiten. Zweitens wäre es irreführend, von einer widerspruchsfreien Homogenität politischer Weltbilder auszugehen. Bei diesen handelt es sich immer um eine Konfiguration verschiedener ideeller Momente, die z.T. sogar im Gegensatz zueinander stehen (oder geraten) können. Es gibt genügend zeitgeschichtliche Beispiele, auch aus der historischen Studentenbewegung (1968 ff), wie sich emanzipatorische politische Leitbilder sozialistischer Herkunft mit autoritär-technokratischen und/oder sexistischen Bewußtseinsinhalten verbinden können.
Unter diesen Aspekten wäre es sinnvoller, die gegenwärtige Situation an den Hochschulen nicht (verschwörungs- oder dekadenztheoretisch) in einem gradualistischen Sinne als "Entpolitisierung" zu begreifen, sondern als einen in seiner entgültigen Entwicklungsrichtung offenen "Prozeß des Desartikulation und ...... neuartigen Verknüpfung von ideologischen Elementen" (Demirovic/Paul 1994, 82). Gerade weil sich die allgemeine gesellschaftliche Umbruchsituation mit den angedeuteten Erscheinungsformen politisch-ideologischer Ungewißheit an den Hochschulen verbindet, wächst in dieser Übergangssituation die Bedeutung einer aktiven politischen Intervention in Prozesse der Meinungsbildung und geistig-theoretischen Realitätsaneignung.
Seit ca 30 Jahren gibt es in den alten Bundesländern eine institutionalisierte, überwiegend öffentlich finanzierte, StudentInnenforschung, die sozialdemographische Datenerhebung mit politischer Meinungsbefragung verbindet. Die Impulse dafür waren unterschiedlich: am Anfang stand das Interesse der kritischen Sozialwissenschaft an der "Erfassung des demokratischen Potentials" (Habermas et. al. 1961), für dessen Vorhandensein damals durchaus Zweifel angemeldet werden konnten; prägend für die anschließende Hochschulexpansionsphase und dem damit verbundenen Ausbau staatlicher Steuerungsfunktionen waren Motive der Gewinnung planungsrelevanter Daten und - nicht zu unterschätzen - ein manifestes Bedürfnis nach Politikberatung angesichts der augenscheinlichen Legitimations- und Loyalitätsdefizite infolge der 68er-Rebellion. Die Ergebnisse müssen daher z.T. gegen die Intentionen und Interpretationsraster der Auftraggeber gelesen werden. Dann können sie partiell recht nützlich sein. Informativ für die Analyse eines ganzen historischen Abschnitts ist etwa das (einzige) Langzeitprojekt der Konstanzer Gruppe "Hochschulsozialisation" (Bargel et. al. 1984 ff). In den 90er Jahren prägte sich ein spezifisches, demokratietheoretisch inspiriertes Interesse aus, Determinanten und Nuancen eines möglichen politischen Umschwungs an den Hochschulen präziser zu erfassen (Brämer 1993, Demirovic/Paul 1996). Inwieweit sich über Anlage und Richtung eines neu verstandenen linken politischen Engagements an Hochschulen aus diesen zur Verfügung stehenden Ergebnissen Schlußfolgerungen ziehen lassen, ist Gegenstand unserer Untersuchung.

I. Konservativliberale Herrschaftsmuster im Übergang zum "nationalen Wettbewerbsstaat" (Joachim Hirsch)

Die offizielle Hochschulpolitik von Staat, etablierten Verbänden und Parteien wirkt beim ersten Hinsehen relativ planlos und situativ, einzig dem Leitbild des "Sparens" und der "Effizienzsteigerung" verpflichtet. Dieser Schein trügt allerdings insofern, als es in den diversen politischen Ansätzen (Studienstrukturreform, Änderung der Hochschulleitungsstrukturen, Reform der Studienfinanzierung oder des Hochschulzugangs, Privatisierung von Bildungskosten etc.) immer wiederkehrende Begründungs- und Argumentationsmuster gibt, die sich auch als konzeptionelle Angebote politisch-ideologischer Integration gegenüber Studierenden und wissenschaftlich-technischer Intelligenz entziffern lassen. Das nationale Projekt "Sicherung des Standortes Deutschland" enthält im Keim auch Versuche einer "Veränderung der Mechanismen der Intellektuellenrekrutierung (Elitekonzepte, Führungsstile, Umgruppierung der Medien, Reorganisation des Bildungsapparates), der bestehenden Wissensformen, der Formen der Wissenstradierung wie des Wissenstransfers...." (Demirovic 1992, 152).
Im Kern geht es aktuell um die ökonomisch-technische Reorganisation des Kapitalismus unter Bedingungen geringeren Wachstums, verschärften internationalen Wettbewerbs und einer immer schmaler werdenden ökonomisch-sozialen Integrationsbasis, d.h. bei anhaltender sozialer Spaltung und Ausgrenzung. Damit verändert sich unter neoliberalen Vorzeichen auch der Stellenwert von Bildung und Wissenschaft nachhaltig. Die entsprechenden gesellschaftlichen Bereiche werden tendenziell als unternehmensstrategisches Vorfeld der Erzeugung und des Transfers ökonomisch relevanter Kenntnisse (Forschungsergebnisse, Qualifikationen) umdefiniert. In dem Maße, wie im offiziellen politischen Handeln die Impulse gesamtgesellschaftlicher resp. sozialstaatlicher Integration zugunsten der Herstellung optimaler Kapitalverwertungsbedingungen - im Regelfall pseudogeographisch als "Standortfaktoren" dargestellt - abnehmen, schwinden folglich auch soziale, auf Chancenausgleich bedachte, bürgerrechtliche und kulturelle Erfolgsindikatoren der Bildungs- und Wissenschaftspolitik. Vereinfacht ausgedrückt tritt im Bildungssektor an die Stelle von sozialer Integration, Förderung, Durchlässigkeit und Persönlichkeitsentfaltung das Motiv verschärfter individueller Selektion nach Leistungsgesichtspunkten. Diese Ansätze finden sich auf allen Gebieten: Verschärfung des Abiturs, stärkere Auswahl des Hochschulzugangs, Verkoppelung von Studienfinanzierung mit Studienstandskontrollen, Strafgebühren für LangzeitstudentInnen, "leistungsorientierte" Differenzierung der staatlichen Bildungsinvestitionen etc.(vgl. Bultmann 1996) Auch in der Bildungspolitik geht es "um die umfassende Mobilisierung der Bevölkerung für einen 'Wirtschaftskrieg', der dann am ehesten zu gewinnen ist, wenn sich die Nation selbst als kapitalistisches Unternehmen begreift: hierarchisch strukturiert, auf ein ökonomisches Ziel ausgerichtet, in Profit-Centers unterteilt, glatt und effizient funktionierend, autoritär geführt, mit Kern- und Randbelegschaften, beschränkten Mitbestimmungsrechten, loyalen Innovations-, Produktivitäts- und Qualitätszirkeln. (Hirsch 1995, 107)
Dieser neoliberal inszenierte Übergang vom traditionellen kapitalistischen Sozialstaat zum "postfordistischen" nationalen Wettbewerbsstaat muß in Anlehnung an Hirsch (ebd. 94 ff) als ein widersprüchliches politisches, ökonomisches, technisches, kulturelles und ideologisches Gesamtprojekt begriffen werden, dessen Erfolg damit steht und fällt, daß die es betreibende politische Klasse auf allen diesen Feldern erfolgreich Identifikations- und Akzeptanzwerte produziert. Aus diesem Blickwinkel muß auch Hochschulpolitik bewertet werden.
Das Kunststück besteht folglich darin, eine derartige Wettbewerbspolitik, die auf einer Individualisierung und Privatisierung gesellschaftlicher Risiken ebenso beruht wie auf einer Verringerung gesellschaftlicher Entwicklungs- und Aufstiegschancen in der sozialen Breite, als positive Zukunftsvision zu verkaufen (die bloße Verbesserung von Unternehmensbilanzen allein ist schließlich noch kein gesellschaftliches Integrationskonzept). Wir sehen hier in der konzeptionellen Anlage der herrschenden Bildungs- und Wissenschaftspolitik - ohne Anspruch auf eine vollständige Systematik - im wesentlichen zwei ineinandergreifende Mechanismen ökonomisch-sozialer und ideologischer Natur.
1.) Persönliche Beteiligung am Wettbewerb muß mit einer individuell nachvollziehbaren Erfolgs- und Belohnungschance verbunden werden können: Die Standortpolitik, wovon der neoliberale "Umbau" des Sozialstaates ein Ausdruck ist, produziert, vereinfacht gesprochen, Modernisierungsgewinner und -verlierer. Dabei gehört es zur Alltagserfahrungen, daß der Kreis der Erfolglosen, der Verlierer und sozial Ausgegrenzten größer wird. Auch ein erfolgreiches Hochschulstudium ist nicht mehr wie noch bis Mitte der 70er Jahre eine Garantie für sozialen Aufstieg und hohes Einkommen. (vgl. Bultmann/Weitkamp 1996) Allerdings wird mit der Höhe des Bildungsgrades wahrscheinlichkeitstheoretisch die Chance verbessert, zu den Modernisierungsgewinnern zu gehören, d.h. sich überhaupt mit realistischer Erfolgsaussicht am Wettlauf um die "besten Plätze" beteiligen zu können. Die Individualisierung gesellschaftlicher Risiken wird so bekräftigt, da allein dieser Sachverhalt entsolidarisierend und zugleich entpolitisierend wirkt, indem er mit der Nötigung zu individuellen Wahrscheinlichkeits- und Geschwindigkeitskalkülen verbunden ist. Auf eine einfache Formel gebracht: Je schneller ich besser bin als andere, umso größer meine Aussichten gesellschaftlich erfolgreich zu sein! An den Hochschulen wirkt sich dies in Strategien individueller Studienzeitbeschleunigung bei optimierter Anpassung an vorgegebene Leistungsstandards aus. Diese Tendenz widerspiegelt sich auch in der Veränderung von Stellungnahmen zu hochschulpolitischen Problemen; etwa in der wachsenden Akzeptanz selektiver und technokratischer Steuerungsmechanismen (vgl. Kap. IV.). Durch die genannten objektiven ökonomisch-sozialen Zwänge werden unter Bedingungen von schrumpfenden Beschäftigungschancen in der sozialen Breite (und ohne einen entsprechenden politischen Gegendruck) verbliebene Ansätze kollektiver Interessenvertretung und solidarischer Vergesellschaftung auch an den Hochschulen untergraben.
2.) Bildungspolitik kann, wenn sie breitere Loyalitäten stiften will, nicht nur wirtschaftspolitisch bzw. als Ermöglichung individueller Erfolge begründet werden. Sie muß auch "kollektive" Lösungen gesellschaftlicher Schlüsselprobleme versprechen. In dieser Richtung entwickelt sich derzeit eine spezifische Synthese aus nationalistischer Integration ("Standort Deutschland") und Techno-Optimismus. Damit würde das aus der Zeit der Bildungsreformen überlieferte (typisch "fordistische") Fortschrittsparadigma aus "Chancengleicheit", "Demokratie" und "Wirtschaftswachstum" (Daxner 1991, 32 f) entgültig abgelöst werden. Staatliche Wissenschaftspolitik versucht sich selbst etwa - über einen drögen marktökonomischen Begründungsrahmen ("Wettbewerbsfähigkeit") hinaus - als positives Zukunftsprojekt, quasi als Geburtshilfe für den "Epochenwechsel" des "Übergang(s) vom Industrie- ins Informationszeitalter" zu inszenieren, wie es im Bundesbericht Forschung 1996 (BMBF 1996, 6) anschaulich heißt. "Der Rohstoff Information wird zum entscheidenden Produktionsfaktor. Die Art und Weise des Wirtschaftens selbst verändert sich - mit neuen Chancen, steigenden Umweltbelastungen und drohender Ressourcenverknappung entgegenzuwirken. Wettbewerbsvorteile haben diejenigen Länder, die bei der Erzeugung und Verteilung von Information, bei der effizienten Umwandlung in Wissen und insbesondere bei der breitenwirksamen Nutzung von Wissen Erfolge verzeichnen."(ebd. 44). Der folgende Text enthält dann positive Versprechungen wie etwa die - vermeintlich informationstechnologisch bedingt mögliche - Verringerung von Rohstoff- und Energieeinsatz, ein globales "Umweltmonitoring", "umweltfreundliche Gestaltung des Verkehrsablaufs" und - last not least - "neue Arbeitsplätze". Im Kern bedeutet dies eine Entpolitisierung gesellschaftlicher Probleme und Krisenphänomene, indem deren Lösung auf wissenschaftlich-technische Entwicklungen projiziert wird. Von daher ist es kein Zufall (und sollte zugleich nachdenklich stimmen), wenn die Entkoppelung der ökologischen von der sozialen Frage in den politischen Bewußtseinsformen zunehmend häufiger auftritt (s.u.).
Die US-amerikanischen Sozialwissenschaftler Frank Fischer und Alan Mandell (1994) (2) beschreiben eine Entwicklungstendenz, daß sich die konservativen Eliten in den kapitalistischen Hauptländern zunehmend um die, auch programmatisch immer weiter ausgefeilte, technokratische Vision einer wissenschaftsbasierten postindustriellen Gesellschaft versammeln (ebd. 129), was anhand der Bildungsreformdiskussion in den USA schlüssig belegt wird. In letzter Konsequenz ist dies ein reaktionäres und anti-demokratisches Gesellschaftskonzept. Die um es inszenierten Diskurse suggerieren, es gäbe für jede soziale und politische Frage die optimale Lösung, die wissenschaftlich ermittelt und (sozial-)technisch gehandhabt werden kann. Eine politische Regulation über Interessen bzw. Interessenkompromisse, durch welche die fordistische Phase des Kapitalismus definiert ist, wirkt sich in dieser Durchsetzung purer Sachgesetzlichkeiten nur störend aus. Die Konsequenz ist eine schleichende "Demontage des traditionellen pluralistischen Systems" (ebd. 13) der Interessenartikulation und -repräsentation durch stärkere Anbindung politischer Entscheidungen an "die Wissenschaft" bzw. an informelle expertokratische Stäbe (bei gleichzeitiger Abkoppelung von der parlamentarisch-öffentlichen Sphäre). Konsequenz dieses Ansatzes ist, daß erstens nicht die kritische Aneignung und soziale Beherrschung von Wissenschaft gefördert wird, sondern die Wertschätzung von Wissenschaft als solcher. Zweitens ist nicht die soziale Verbreiterung wissenschaftlicher Urteilsfähigkeit politisches Ziel, sondern stattdessen die Erzeugung der Bereitschaft, die Urteile von Experten zu akzeptieren. (ebd. 142) Dies findet seinen Ausdruck etwa in elitetheoretisch begründeten Ansätzen einer hierarchischen Differenzierung des Hochschulsystems.
Aus diesen konzeptionellen Ansätzen neoliberaler Bildungspolitik lassen sich nun Merkmale, Eigenschaften und Verhaltensweisen herausdestillieren, deren soziale Verbreiterung innerhalb der Studierenden einer Durchsetzung dieser Politik entgegenkäme. Zugespitzt formuliert: Der standortkompatible studentische Wunschkandidat ist 1. erfolgsgetrimmt, aufstiegs- und leistungsorientiert, 2. wissenschaftsgläubig und technikfetischistisch, 3. unterordnungsbereit, autoritäts- und expertenhörig, 4. einzelgängerisch und unpolitisch (und/oder rechts), 5. verklemmt und anti-feministisch. Erforderlich ist schließlich die zunehmende Bereitschaft, sich mit den (zunächst wirtschaftlich formulierten) Belangen der eigenen "Nation" zu identifizieren, ökologische und soziale Probleme als wissenschaftlich-technische Rückständigkeit und gleichzeitigen Ansporn für gesteigerte individuelle "Leistung" zu interpretieren und schließlich individuellen gesellschaftlichen Erfolg oder Mißerfolg als Ausdruck jeweils persönlicher Fähigkeiten und Begabungen.
Erfolg und Durchsetzungfähigkeit der skizzierten Politikvariante hängen folglich davon ab, inwieweit es gelingt, innerhalb eines größeren Teils (mindestens einer starken Minderheit) der Studierenden eine handlungsrelevante positive Identifikation mit derartigen Zielsetzungen herzustellen und den (wahrscheinlich größeren) Rest politisch zu neutralisieren

II. Veränderungen in der sozio-demographischen Zusammensetzung der Studierenden

Von der Jahrhundertwende bis noch weit in die 60er Jahre war der studentische Habitus durch die sozialgruppentypische Herkunft aus dem gehobenen Bildungsbürgertum von einem hohen Maß an Homogenität und "prästabilisierter Integration" (Schülein 1989, 145) bestimmt. Dafür standen etwa die "kleinen (und elitären), sozial durch die Gemeinschaft der Klassenzugehörigkeit und die hohe Integrationskraft der klassenspezifischen Insignien und Rituale geprägten Korporationen..." (ebd.). Die Bildungsexpansion ab Ende der 60er Jahre führte zu einer Verdreifachung der Studierendenzahl (1970: 510 Tsd.; 1994: 1,85 Mio.) und bewirkte die Auflösung des früheren relativ homogenen soziokulturellen Gefüges. In den letzten 10-20 Jahren ist darüber hinaus zu beobachten, daß sich lange Zeit für typisch gehaltene studentische Rollenmerkmale und bildungsbiographische Muster auflösen. Den/die "NormalstudentIn" als AdressatIn und Subjekt von Politik gibt es nicht mehr.
Um diese nachhaltigen Veränderungen zu verdeutlichen, wird die sozio-demographische Entwicklung, wie sie im wesentlichen auf Daten aus den Sozialerhebungen des Deutschen Studentenwerkes (DSW) beruht, im folgenden kurz umrissen. Aufgrund der bestehenden Zeitreihen aus früheren Sozialerhebungen können für die westdeutsche Studierendenschaft im höheren Umfang vergleichende Analysen und Interpretationen vorgenommen werden, welche für Ostdeutschland in dieser Form noch nicht möglich sind, da erst zwei gesamtdeutsche Erhebungen (1991, 1994) vorliegen. Gängige Interpretationsraster zur Erfassung sozio-demographischer Trends lassen sich entlang der Kategorien 1. "soziale Herkunft" ("sozialgruppenspezifische Bildungsbeteiligung"), 2. "soziale Lage" (Finanzierungsquellen des Studiums), 3. "biographische Muster" (Durchschnittsalter, Verhältnis Studium-Beruf, Zeitbudget etc.) bestimmen.
Die soziale Herkunft wird vom DSW zunächst über sozialversicherungsrechtliche Kategorien (Arbeiter, Angestellte, Beamte, Selbständige) erfaßt, um die Ergebnisse mit Daten aus dem Mikrozensus vergleichen zu können. Daraus lassen sich ev. grobe Trendaussagen ablesen, die allerdings insofern - wie auch offiziell eingeräumt wird (14. DSW 1995, 28) - unpräzise sind, als sich aus diesen Kategorien nicht immer exakte Angaben über Einkommen und gesellschaftliche Stellung der Eltern entnehmen lassen (zur Kategorie "Arbeiter" gehören etwa Meister wie Ungelernte, zur Gruppe "Selbständige" Kioskbesitzer ebenso wie Großindustrielle). Sinnvoll ist es daher, diese Zahlen zu ergänzen mit der Erfassung über das vom DSW entwickelte "Modell der sozialen Herkunftsgruppen" (ebd. 49) bezogen auf die Gesamtheit der Studierenden, welches "soziale Differenzierungen der altersgleichen Bevölkerung" feiner wiedergibt. (ebd.) In dieses Modell fließen Kriterien wie formale Bildung, berufliche Stellung und (indirekt) das Einkommen der Elternhäuser ein. Dementsprechend unterscheidet das DSW 4 Gruppen (niedrig, mittel, gehoben, hoch). Folgende Haupttrends sind bemerkenswert.
* in Westdeutschland nahmen 1993 15,1 % aller Arbeiterkinder (1982: 8,6 %), 37%,3 % aller Kinder von Angestellten, 47,7% von Selbständigen und 64,8 % von Beamten (1982: 46,4 %) ein Studium auf. (1). Die entsprechenden Werte für Ostdeutschland betragen 8,1 % Arbeiter, 26 % Angestellte/Beamte (für den Osten als Kategorie zusammengefaßt) und 41,5% Selbständige. Dabei ist insbesondere der Sprung der StudienanfängerInnenquote aus Selbständigenfamilien signifikant, die 1990 erst 17,4 % betrug. (ebd. 34-36)
* die (vorsichtige) Vermutung von - im Vergleich mit den 70er Jahren - wieder zunehmenden Tendenzen sozialer Bildungsdiskriminierung, wie sie die ungleichmäßige Studienbeteiligung aus den vier Sozialversicherungskategorien nahelegt, wird durch die (exaktere) Differenzierung nach sozialen Herkunftsgruppen voll bestätigt: der Anteil der Studieren aus der niedrigen sozialen Herkunftsgruppe reduzierte sich in 12 Jahren von 23% (1982) auf 14% (1994), der der mittleren Gruppe von 34% auf 28%; der Anteil der Studierenden aus der gehobenen Gruppe stieg im gleichen Zeitraum von 25% auf 31% und aus der höchsten Sozialgruppe von 18% auf 27% (ebd. 54,55). In Ostdeutschland ist die (Studien-) Chancenverteilung nach Sozialstatus noch weiter "nach oben" verschoben: der Werte für die einzelnen Gruppen betragen 1994 etwa 10% (niedrige Gruppe), 23% (mittel), 31% (gehoben) und 36% (hoch). (ebd.)
* durch die Ermittlung der Bildungsherkunft (gemessen am jeweils höchsten Ausbildungsabschluß des Vaters bzw. der Mutter) wird diese soziale Staffelung des Hochschulzugangs noch einmal bekräftigt: in den alten Ländern hatten 1994 insgesamt 33% der Eltern von Studierenden (Vater oder Mutter) einen Hochschulabschluß (1985: 27%), in den neuen Ländern waren dies 1994 sogar 52%. (ebd. 58)
Zusammengefaßt ergibt sich folgendes Bild: Der (relative!) Grad an sozialer Öffnung der Hochschule, der bis Anfang der 80er Jahre verwirklicht wurde, ist seitdem in den alten Ländern kontinuierlich rückläufig. Ungeachtet absolut wachsender Studierendenzahlen entwickelt sich ein Hochschulstudium tendenziell wieder zum Privileg, welches in direkter Relation zur Höhe des sozialen Status und des Bildungsgrades der jeweiligen Elternhäuser steht. Die Tendenz einer zunehmenden sozialen Abschließung der Hochschulen "nach unten", d.h. im sozialökonomischen Sinne, bildet folgerichtig die Kehrseite einer zunehmenden "Selbstrekrutierung akademischer Schichten" im bildungsbiographischen Sinne. In Ostdeutschland entwickeln sich diese Trends in der kurzen Zeitspanne nach der "Wende" nicht nur deckungsgleich, vielmehr scheinen die ihnen zugrundeliegenden impliziten sozialen Selektionsmechanismen hier sogar verschärft zu wirken.
Diese Veränderung der sozialen Zusammensetzung der Studierendenschaft widerspiegelt sich im Wandel der Finanzierungsquellen für die Bestreitung des studentischen Lebensunterhaltes. Bestimmend dafür ist das Verhältnis im wesentlichen dreier Größen: von direkten staatlichen Tranfers (BAföG), Zuwendungen durch die Eltern und eigener Erwerbstätigkeit. In den alten Ländern verfügen Studierende 1994 durchschnittlich über 1342 DM monatliche Einnahmen, in den neuen Ländern beträgt diese Größe 954 DM. (14. DSW, 159) Dabei hat sich die Proportion der zentralen drei Finanzierungsquellen wie folgt verschoben:
* die Elternfinanzierung des durchschnittlichen Monatsbudgets beträgt in den alten Ländern 1994 48% (1982: 46%); der BAföG-Anteil ist im gleichen Zeitraum von 25% (1982) auf nur noch 13% gesunken, der Anteil des Eigenverdienstes aus Erwerbstätigkeit neben dem Studium von 19% (1982) auf 28% (1994) gestiegen (10% - 11%: "sonstige Quellen"). In den neuen Ländern ist zwischen 1991 und 1994 ein signifikanter Bruch zu verzeichnen: der Anteil des BAföG am Monatseinkommen ist in nur drei Jahren von 60% auf 28% gesunken, die Elternfinanzierung umgekehrt proportional von 23% auf 46% gestiegen (Eigenverdienst von 6% auf 17%), was wohl als Ausdruck einer "rasanten" (ökonomischen) Privatisierung von Bildungschancen interpretiert werden kann. (ebd. 162, 163)
Zusammengefaßt bedeutet dieser deutlich sichtbare Trend einer "Privatisierung" des Hochschulstudiums zweierlei: Die Bedeutung sozialstaatlicher Transferleistungen wie BAföG - und damit einer sozialintegrativen gesamtpolitischen Bildungssteuerung - geht in dem Maße zurück, wie die Studierenden in zunehmendem Umfang auf private Einkommensquellen zur Bestreitung ihres Lebensunterhaltes angewiesen sind. Dies bedeutet eine wieder (relativ) steigende materielle Abhängigkeit von den Eltern ebenso wie von eigener Erwerbstätigkeit auf dem "studentischen" Arbeitsmarkt.
In Umfang und Bedeutung der zunehmenden Erwerbstätigkeit widerspiegelt sich die Auflösung der ursprünglichen "Normalbiographie" eines/einer Vollzeitstudierenden, an der sich die offiziellen Bildungsplaner nach wie vor orientieren, am signifikantesten wider:
* mittlerweile (1994) sind in den alten Bundesländern 60% aller Studierenden auch während des Semesters erwerbstätig; davon 21% ohne Unterbrechung während des ganzen Jahres (Ostdeutschland: 48% während des Semester; vgl. 14.DSW, 284). Zum Vergleich: während heute exakt 21,4 % (s.o.) der westdeutschen Studierenden laufend erwerbstätig sind, betrug dieses Niveau 1967 erst 5% und 1982 13%. (ebd. 290)
* das durchschnittliche wöchentliche Zeitbudget für Erwerbstätigkeit während des Studiums beträgt gegenwärtig (umgerechnet auf alle Studierenden) 8 Stunden pro Woche (1988: 6 Std.); im Osten ist dieser wöchentliche Zeitaufwand von nur 2 Std. 1991 auf 5 Std. 1994 gestiegen, womit der Trend einer Angleichung an das "Westniveau" überdeutlich ist. (ebd. 128)
* die durchschnittliche Höhe der monatlichen Erwerbseinnahmen (im Schnitt aller erwerbstätigen Studierenden) lag 1994 im Westen bei 557,- DM pro Monat. Die Mehrheit bleibt folglich auf mindestens eine weitere Einnahmequelle angewiesen. Unverkennbar ist jedoch, daß der Anteil der sog. "Selbstfinanzierer" (als solche gelten in den DSW-Erhebungen Studierende, die mehr als 80% ihres Monatsbudgets aus Erwerbstätigkeit bestreiten) wächst: lag dieser an den Universitäten 1976 bei 8% (aller Studierenden) und 1988 bei 11%, sind es 1994 bereits 15%. (ebd. 291 f)
Für die Veränderung des biographischen Stellenwertes eines Studiums, die in der wachsenden Erwerbstätigkeit zum Ausdruck kommt, sind darüberhinaus u.a. folgende Merkmale auffällig:
* zunehmend verfügen StudienanfängerInnen über eine abgeschlossene Berufsausbildung. In den alten Ländern trifft dies bereits für ein Drittel zu (Fachhochschulen: 65%), in den neuen Ländern für 40% (FH: ebenfalls 65%). (ebd. 79 f) zu. Dies ist nicht unmittelbar auf eine (nicht stattfindende!) soziale Erweiterung des Hochschulzuganges zurückzuführen, sondern überwiegend auf eine Berufsausbildung zusätzlich zum Abitur, da die Studienberechtigung nach wie vor im Schnitt zu 84% über die allgemeine Hochschulreife erworben wird. (ebd. 77)
* das Durchschnittsalter insbesondere der westdeutschen Studierenden steigt: seit 1980 hat sich etwa der Anteil der über 26jährigen verdoppelt. Der Anteil der über 28jährigen lag 1990 bei 30% (1980: 21%). Entsprechend verringerten sich die unter 24jährigen von 40% im Jahre 1980 auf 28% im Jahre 1990. (vgl 13. DSW, 71 f; 14. DSW 62 f)
Diese "Überalterung", die sich auch in einer Verlängerung der Durchschnittsstudiendauer ausdrückt, hat nicht das geringste mit abnehmenden "Begabungen" in Relation zur "sozialen Öffnung" der Hochschulen zu tun, wie uns konservative Politiker und obskure Dekadenzphilosophen weismachen wollen. Sie hat nicht einmal unbedingt etwas mit einer Verlängerung der realen Studienzeiten zu tun. In ihr wirken sich vor allem erwerbsbedingte Unterbrechungen ebenso aus wie eine verspätete Studienaufnahme infolge vorgezogener Berufsausbildung oder Erwerbstätigkeit.
Welche Schlußfolgerungen lassen sich nun aus diesen - exemplarisch und ausschnittsartig genannten - Merkmalen einer Veränderung der sozio-demographischen Zusammensetzung der Studierenden im Hinblick auf unser Thema der politischen Sozialisation ziehen? In einem mechanischen Sinne zunächst gar keine! Politisches Verhalten ist kein automatischer Reflex von sozialer Herkunft und Lebensweise. Allerdings lassen sich Rahmenbedingungen benennen, welche die Wahrnehmungen gesellschaftlicher Konflikte und damit die politische Urteilsbildung sowie die Art und Weise des politischen Engagements beeinflussen können. Folgende (durchaus nicht in allen Teilen abgesicherte) Vermutungen und Hypothesen scheinen uns abschließend für die weitere Diskussion behandelnswert zu sein:
1. Immer mehr Studierende verfügen über soziale Erfahrungen außerhalb von Schule und Elternhaus. Dies drückt sich im wachsenden Trend zu einer Berufsausbildung vor dem Studium ebenso aus wie in der zunehmenden Erwerbstätigkeit während des Studiums (bzw. im steigenden Durchschnittsalter). Insgesamt bewirkt dies eine stärkere Orientierung der eigenen Lebensansprüche an der erwerbstätigen Erwachsenenwelt; die Identifikation mit gleichaltrigen KommilitonInnen dürfte demgegenüber ebenso rückläufig sein wie der "sozialisationsprägende" Charakter des Hochschulmilieus.
2. Der - teils erzwungene, teils freiwillige - subjektive Aufwand an bewußter Planung der eigenen Bildungs- und Berufsbiographie steigt. Dies kommt insbesondere im intensiven Zeitmanagement des Verhältnisses von paralleler Erwerbstätigkeit, Studium und Partnerschaft (ca 50% aller Studierenden, vgl. 14. DSW, 64 f) unter - überwiegend - relativ prekären materiellen Verhältnissen zum Ausdruck. Damit sinkt nicht nur das (absolute und relative) Zeitbudget für politisches, soziales oder kulturelles Engagement, ein solches "kollektives" Engagement steht auch (auf der Erscheinungsebene) in keinerlei Verhältnis mehr zur erfolgreichen individuellen Lebensbewältigung. Der Druck in Richtung einer konkurrenzförmigen und meritokratischen Wahrnehmung gesellschaftlicher Chancen könnte auf diese Weise gestärkt werden. Diese individualisierende Konkurrenzperspektive wird wahrscheinlich auch dadurch gefördert, daß unter den gegenwärtigen Bedingungen sozialer Deregulierung der Aufwand, den sozialen Status und das Einkommen der Eltern mindestens zu erhalten - eine nach wie vor wichtige Triebkraft für Bildungsbiographien - immer größer wird.
3. In dem Maße wie das Studium den Charakter einer Zweit- bzw. Zusatzausbildung erhält oder Teilzeitcharakter annimmt, tritt seine - zunehmend instrumentell wahrgenommene - Funktion als Berufsausbildung für den individuellen sozialen Aufstieg in den Vordergrund. Diese "instrumentelle" Wahrnehmung dürfte sich auch auf die Institution Hochschule und die fachlichen Inhalte erstrecken. Diese würden damit zum bloßen "Stoff", den es sich effizient anzueignen gilt. (Potentielle) Interessen an Wissenschafts- und Institutionenkritik würden sich entsprechend relativieren.
Zusammengefaßt heißt dies, daß die subjektive Identifikation mit den Hochschulen als Reibungsfläche, Lebensort, Gegenstand und Ziel von Politik rückläufig ist. Das ist jedoch nur ein anderer Ausdruck dafür, daß sich Interessen stärker in der Gesamtheit der gesellschaftlichen Lebensbedingungen ausbilden. Politische Angebote, die dies ignorieren, indem sie etwa von einem ständischen und/oder ökonomistischen Verständnis einer aparten "Hochschulpolitik" geprägt sind, laufen folglich ins Leere.

III. Dominante politische Verhaltenstrends der 70er- und 80er-Jahre (Grobskizze)

In der veröffentlichten Meinung sind Aussagen über "die" Studierenden häufig spekulativ und von durchscheinenden politischen Absichten geleitet. Wurde etwa bis Mitte 80er-Jahre politische Aktivität an den Hochschulen - insbesondere in den bürgerlich-konservativen Medien - gerne unter Illegalitäts- und "Extremismus"-Verdacht gestellt, dominieren seitdem eher Aussagen, welche den/die DurchschnittsstudentIn als unpolitisch, apathisch und "gefährlich brav" (so ausgerechnet: Die WELT 27.4.96 in einem "Die Revolution hat ausgedient" überschriebenen Artikel) bezeichnen.
Dem ist entgegenzuhalten, daß summarische Aussagen kaum möglich sind. Alle interessengeleiteten Prognosen, wie "die" Studierenden vermeintlich sind/sein werden/sein sollen haben sich bisher als Fehlprognosen erwiesen. Eruptive bundesweite Massenproteste wie etwa die Unimut-Bewegung im Wintersemester 88/89 kamen völlig unerwartet und (seitens der politischen FunktionärInnen) "ungeplant". Dies mag mit der biographischen Besonderheit der Studierendenphase zusammenhängen, die gerade nicht von starren und unveränderlichen politischen Anschauungen geprägt ist, sondern eher als Phase des Suchens und Experimentierens gelebt wird. Unabhängig davon ist sich die etablierte StudentInnenforschung über die folgenden sozialgruppentypischen politischen Verhaltenstendenzen relativ einig:
* Die Studierenden verfügen im Vergleich zur Gesamtbevölkerung über einen höheren Informationsstand, "ein besseres politisch-soziales Grundwissen, mehr Kenntnisse über demokratische Einrichtungen und Regelungen und wissen meistens genauer über das allgemeine politische Geschehen Bescheid ....." (Bargel 1985, 77). (In der traditionellen Demokratieforschung werden als entscheidende Voraussetzungen für die politische Partizipation die Informiertheit und die politische Kompetenz der Beteiligten analysiert.)
* im Vergleich mit der übrigen Bevölkerung und mit Gleichaltrigen außerhalb der Hochschule interessieren sich Studierende stärker für Politik. "Während in der Bevölkerung die Anteile der stark an Politik Interessierten im Zeitraum von 1961 bis heute zwischen 15 und 25 Prozent (bei steigender Tendenz) und die der Jugendlichen zwischen 20 und 30 Prozent liegen, erreichen die Anteile unter den Studierenden 55 bis 70 Prozent." (Bargel 1985, 67)
"Im allgemeinen .... sind die Studierenden selbst von ihrer vergleichsweise hohen politischen Kompetenz überzeugt. Sie beziehen sich damit vor allem auf die Beurteilung politischer Grundwerte wie Freiheit und Gleichheit, ihre Fähigkeit zur persönlichen Meinungsbildung und ihr Zutrauen, eigene politische Vorstellungen vertreten zu können. Dabei verfügen jene mit einem ausgeprägten politischen Interesse zugleich über eine höhere, subjektive Kompetenz in allen politischen Fragen und Belangen. Das politische Bewußtsein ist eingebettet in ein hohes allgemeines Qualifikationsbewußtsein: Neben der besonderen fachlichen Qualifikation trauen sich die Studierenden im Vergleich zu anderen Bevölkerungsgruppen vor allem eine breitere Allgemeinbildung, ein Mehr an logischem und kritischem Denkvermögen und eine bessere Argumentations- und Artikulationsfähigkeit zu. Sie nehmen nicht nur individuell für sich eine überdurchschnittliche politische Kompetenz in Anspruch, sondern erwarten sie gleichermaßen von der sozialen Kategorie des Akademikers, zu der sie später gehören werden." (Bargel 1985, 77f.) In dieser Verknüpfung von subjektiven und sozialen Kompetenzen sieht Bourdieu den "Ausdruck des politischen Habitus von akademisch Gebildeten". (Bourdieu 1991, 620f.)
Trotz leichter Schwankungen lassen sich auch in den 90er Jahren nur geringfügige Veränderungen dieses relativ hohen Anteils von politisch interessierten Studierenden feststellen, was allerdings mit einer rückläufigen Handlungsbereitschaft verbunden ist.(s.u.)
* ein weiteres Charakteristikum sind die (häufig) militanten und ungewöhnlichen politischen Inhalte und Protestformen, deren Abweichung von den "anerkannten" institutionalisierten Formen der Interessenvertretung politisch bewußt reflektiert (und als Medium öffentlicher Aufmerksamkeit kalkuliert) wird.
Bargel u.a. führen dies darauf zurück, daß das politische Interesse von Studierenden überdurchschnittlich handlungsorientiert, d.h. von einem ausgeprägten Verpflichtungsgefühl begleitet sowie mit einer prinzipiellen Protestbereitschaft verknüpft ist. Diese Verknüpfung wird als "seismographische Reaktionsbereitschaft" auf politische Ereignisse bezeichnet, dies führe u.a. zu unkonventionellen Aktivitäten und provozierenden Auftritten. (vgl. u.a. Bargel 1985, 69) "Das politische Handeln der Studierenden ist gekennzeichnet durch zeitweilige Aktivitätsschübe, die zumeist Form und Selbstverständnis einer Bewegung annehmen, wozu dann politische Kampagnen und Demonstrationen, Flugblätter und Transparente gehören." (Bargel 1985, 6)
Ausgelöst durch die häufig öffentlich provozierenden, teilweise militanten politischen Betätigungsformen - vor allem in den 70er und 80er Jahren - wird Studierenden von konservativen PolitikerInnen, Medien und MeinungsforscherInnen eine grundsätzliche Gewaltbereitschaft und -akzeptanz unterstellt. Offenbar soll so ein öffentliches Klima für die administrative und polizeiliche "Bewältigung" politischer Konflikte an Hochschulen, z.B. in der Wahrnehmung des allgemeinpolitischen Mandats der Studierendenvertretungen, geschaffen werden, um damit die AkteurInnen gegenüber den übrigen Studierenden zu isolieren. So hat z.B. 1978 Noelle-Neumann in ihrer Untersuchung "Wie demokratisch sind unsere Studenten?" auf eine "ungleiche Verteilung der politischen Energie im Links-Rechts-Spektrum" aufmerksam gemacht und die Schlußfolgerung gezogen, daß es sich bei den aktiven Studierenden und Studierendenvertretungen um eine "linke, gewaltbereite, undemokratische Minderheit, ohne Rückhalt bei der 'schweigenden Mehrheit' der Studierenden, auf die sie einen illegitimen Meinungsdruck ausübten" (Noelle-Neumann 1979, 7), handeln würde. Noelle-Neumann begründete dies mit der Tatsache, daß sich die politisch engagierten Studierenden häufiger als ihre eher passiven Kommilitonen als 'links' bei der politischen Selbsteinstufung einordnen. Bargel hielt dem entgegen, daß bei allen bisherigen Untersuchungen über politische Einstellungen linke gesellschaftliche Grundhaltungen dominieren und daher "als Mehrheitskonsensus in der Studentenschaft gesehen werden" können (Bargel 1985, 75). Dies bezieht sich etwa auf die überwiegende positive Einstellung zu solchen Werten wie soziale Gleichheit, Mitbestimmung und politische Partizipation, die Ablehnung militärischer Aufrüstung oder riskanter Großtechnologien (Atomkraft). Ferner kritisierte Bargel die Gegenüberstellung von "links" oder "demokratisch" bei Noelle-Neumann, "da linke Studenten häufiger demokratische Werte unterstützen und demokratische Einstellungen aufweisen als andere" (Bargel 1985, 75).
Im Übergang zu den 90er Jahren wird übereinstimmend eine thematische Verengung politischer Aktivitäten festgestellt. Die studentischen Proteste sind zunehmend auf die Studienbedingungen, die studentischen Lebensverhältnisse und die zukünftigen Berufsperspektiven begrenzt. Unmittelbare materielle Probleme hätten in ihrer Bedeutsamkeit gegenüber strategischen gesellschaftlichen Zielen zugenommen. "Sie (die studentischen Proteste, d.Verf.) haben eher den Charakter einer Interessenswahrnehmung ohne darüber hinausgreifende Ideen oder Umgestaltungsabsichten." (Bargel 1994. 13) In der Regel handelt es sich um "punktuelle Aktionen" ohne eine breitere, ideelle Einbettung. (ebd.) Gleichzeitig finden diese Aktivitäten offenbar auf einer schmaleren sozialen Basis statt. Dies könnte der von Bargel u.a. konstatierten Rückläufigkeit eines spezifischen hochschulpolitischen Interesses entsprechen. "Nur 19 Prozent der Studierenden (interessieren sich) stark für allgemeine Hochschulpolitik und 9 Prozent für die studentische Politik an ihrer Hochschule" (Bargel 1985, 74). "An der Fachschaftsarbeit nehmen nach eigenem Bekunden etwa 16 Prozent mehr oder weniger regelmäßig teil, aber 26 Prozent bezeichnen sich als völlig desinteressiert daran." (Bargel 1984, 107). Bis zum Wintersemester 1989/90 ist diese Abstinenz gegenüber spezifischer studentischer Politik "auf hohem Niveau gleich geblieben." (Bargel/Sandberger 1992, 79).
Es bestätigt sich abermals, daß die Hochschule als "politischer Ort" an Bedeutung verliert. Diese Tendenzen sind in ihrer Entwicklungsrichtung allerdings noch nicht eindeutig bestimmbar: etwa was das Verhältnis von politischer Frustration, eventueller Verlagerung politischer Interessen auf andere gesellschaftlichen Bereiche oder einer tatsächlich verengten Problemwahrnehmung dabei betrifft. Ein unmittelbares "ressortmäßiges" hochschulpolitisches Interesse hat es beispielsweise in dieser Form noch nie in relevantem Umfang gegeben. Hochschulpolitische Ereignisse mobilisierten politisch in dem Maße wie sie als Ausdruck gesamtgesellschaftlicher Entwicklungsfragen - etwa im Prisma "soziale Chancengleichheit" oder "gesellschaftliche Verantwortung der Wissenschaft" - wahrgenommen wurden. Inwieweit hier aktuell im Rückgang unmittelbarer politischer Aktivität an Hochschulen zunehmend ein Faden reißt oder lediglich dauernde politische Erfolglosigkeit in - dennoch handlungsinteressierte - Ratlosigkeit gemündet ist, kann nur im Rahmen einer komplexeren Betrachtung politischer Artikulations- und Reaktionsformen beurteilt werden.

IV. Neukombination politischer Weltbilder in den 90er Jahren (Trends)

In den bisherigen Ausführungen ist deutlich geworden, daß stichhaltige Schlußfolgerungen hinsichtlich politischer Energien und Handlungspotentiale nicht aus einem bloßen Abfragen von Präferenzen (i.S. der "Sonntagsfrage") und Meinungen zu beliebigen Themen begründbar sind. Erforderlich ist neben der Ermittlung von bloßen Interessen und Ansichten mindestens ebenso eine Erkundung der politischen Handlungsbereitschaft und eine ansatzweise Erforschung der Kohärenz bzw. Reflexionsintensität des jeweiligen politischen Standortes (etwa in Form "nachfassender" Interviews, von Gruppengesprächen oder hochkomplexen Fragen, die eine entsprechende Urteilsbildung erfordern). Darin besteht etwa der Wert der Befragung von 1.384 Studierenden an hessischen Hochschulen durch Demirovic/Paul (1996) im Zeitraum 1994/95, welche in der Tradition der (erstmalig von Habermas auf den gleichen Untersuchungsgegenstand bezogenen) qualitativen Sozialforschung steht. Erkenntnisleitend war die Fragestellung nach der Resonanzfähigkeit rechter und autoritärer Politikvorstellungen, wie sie beispielsweise von der "intellektuellen" Neuen Rechten (Junge Freiheit, Criticón) in der Tradition der Konservativen Revolution entwickelt werden. Im Ergebnis werden Trendaussagen etwa von Bargel (1994) und Brämer (1993) bestätigt, z.T. auch übertroffen und konkretisiert. Die Autoren hat inbesondere die "Feingliederung" im diskursiven Veränderungs- und Neukombinationsprozeß ideologischer Elemente zwischen den beiden Polen eines "eindeutig" rechten oder linken Standortes interessiert. Auf diese Weise werden - jenseits plakativer Zuordnungen - auf der Mikroebene widersprüchliche Bewußtseinsbildungsprozesse präziser erfaßt und einer politischen Beeinflussung zugängig gemacht.
In stark konzentriert und gebündelt dargestellter Form ergeben sich im Vergleich der verschiedenen Untersuchungen folgende (systematisch eng verbundene) Haupttrends:
1. Anhaltend ist die Tendenz einer "institutionellen" Entpolitisierung (Brämer 1993, 197). Dieser ist nicht per se gleichbedeutend mit einer bewußtseinsmäßigen "Rechtsentwicklung", sondern zunächst "nur" mit einem Rückgang politischen Interesses, politischer Handlungsbereitschaft sowie einer wachsenden Distanz zur politischen Institutionen und Organisationen (im etablierten wie alternativen Spektrum), was sich auch in einer Abnahme der Neigungen zu hochschulpolitischen Aktivitäten im Rahmen der bestehenden Angebote (ASten, Fachschaften) ausdrückt. Bargel (1994, 31) konstatiert "das Erlahmen linksalternativer Handlungspotentiale (vor allem unter den Sozialwissenschaften), ... das Abrücken von 'sozialistischen Wertpräferenzen'" und einen "Rückgang an 'alternativen Wertüberzeugungen'. Insofern nimmt die westdeutsche Studentenschaft nunmehr insgesamt eine überwiegend realistisch-pragmatische, eher moderate und weniger kritisch-alternative politische Grundhaltung ein; es hat ein Anpassungsprozeß stattgefunden."
Als bedeutsam kann sich künftig eine nachhaltige Veränderung des Verhältnisses zwischen den Fachbereichen erweisen. Bis weit in die 80er Jahre waren Studierende der (seit der Hochschulreform) notorisch "linken" Fachbereiche der Sozial- und Humanwissenschaften innerhalb der politisch Aktiven im institutionellen Sinne (in der studentischen Selbstverwaltung) führend und zugleich meinungsbildend. Demirovic/Paul (1996, 88) bestätigen anhand ihrer Untersuchungen den auch von Bargel (1994, 12) ermittelten Übergang der "Meinungsführerschaft" auf die Juristen und Ökonomen hinsichtlich politischer Interessiertheit und Aktivität. An diesen Fachbereichen sind jedoch konventionelle, "moderate" und/oder tendenziell konservative Ansichten am häufigsten anzutreffen (vgl. etwa Demirovic/Paul 1996, 263 f/Tab. 3 und 4). Gewerkschaften beispielsweise stoßen unter Wirtschaftswissenschaftlern nur bei 5% der Befragten auf Akzeptanz (Sozialwissenschaftlern: 20%; Gesamtdurchschnitt: 12%) und zu 71% auf Ablehnung (vgl. Brämer 1993, 199) Folglich müßte angenommen werden, daß diese neue "Meinungsführerschaft" mit "einer Veränderung des Politikverständnisses" einhergehen könnte (Demirovic/Paul 1996, 90): "Politisches Interesse würde sich in diesem Sinne sehr stark an den Vorgängen der politischen Institutionen und weniger an den alltäglichen Prozessen und Lebensformen orientieren." Bekräftigt würden auf diese Weise Tendenzen, politisches Engagement nicht mehr im Zusammenhang mit demokratischer Selbstorganisation bzw. der Eroberung eigener Handlungsräume zu interpretieren sondern auf die Funktion von Lobbyismus und Petitionismus zu reduzieren. Dies verstärkt zugleich die Akzeptanz (sozial-)technokratischer Lösungen gesellschaftlicher Probleme. Gesellschaftspolitisch relevant sind diese Vorgänge insofern als an den juristischen und ökonomischen Fachbereichen im überdurchschnittlichen Umfang das Spitzenpersonal für Wirtschaft und Verwaltung ausgebildet wird.
2. Kohärenz und Handlungsrelevanz linker Selbstverortungen sind rückläufig. Demirovic/Paul vermuten aus den Erfahrungen zahlreicher Interviews, daß "Linkssein" tendenziell zu einer Frage der "oberflächliche(n) Konvention" (1996, 44) mit einem entsprechend wachsenden Grad an Unverbindlichkeit wird. Wenn dies zutrifft und wenn die Neigung, sich "links" einzustufen (61% der durch Demirovic/Paul Befragten, vgl. ebd. 262/Tab. 1), offenbar noch stärker vorhanden ist als die praktische Realisierung dieses Anspruches, ließe sich dieser Sachverhalt auch so interpretieren, daß die ehemalige starke organisatorische und politische Präsenz linker Strömungen an Hochschulen heute noch als relative kulturelle Hegemonie nachwirkt. Gleichzeitig ist jedoch offenbar die konzeptionelle und theoretische Verarbeitung sozialer Erfahrungen im Hochschulmilieu und des jeweils eigenen (politisch eingenommenen) Standpunktes rückläufig. Dies ergibt sich schon daraus, daß Meinungsäußerungen zu Einzelfragen häufig keine systematische Verknüpfung mehr erkennen lassen und ebenso häufig - gemessen an den Verursachungszusammenhängen der jeweils zugrundeliegenden gesellschaftlichen Probleme, auf die die Fragen abzielen - in einem Verhältnis des Widerspruches zueinander stehen.
Schon die verschiedenen Konstanzer Untersuchungen belegen etwa, daß von 1983 bis 1990 die Akzeptanz der Zielsetzung "Priorität des Umweltschutzes vor wirtschaftlichem Wachstum" annähernd parallel mit der Zustimmung zur "Sicherung der freien Marktwirtschaft und des privaten Unternehmertums" (jeweils ca plus 15%; vgl. Bargel 1992, 56;) gestiegen ist. 1992/93 stimmen gar 91% dem ersten und 70% dem zweitgenannten Postulat zu (Bargel 1994, 27). Offenbar ist hier die Wahrnehmung eines "Zielkonfliktes" zwischen beiden Positionen rückläufig. Ein weiteres Beispiel: Wenn 60% der Aussage zustimmen, "Wissenschaftler sollten sich mit ihrer Arbeit für die Sicherung des Standortes Deutschland einsetzen" - von den Juristen sogar 66% oder den Ingenieuren 73% der Befragten (Demirovic/Paul 1996, 281 Tab. 19) -, dann reicht gemessen daran, daß sich insgesamt 32% der Studierenden politisch zwischen "Mitte" und "ganz rechts" einordnen (ebd. 262 Tab. 1) die Akzeptanz dieser Zielsetzung offenbar weit ins linke Spektrum hinein. Das gleiche gilt für die 58% , welche die "sofortige Abschiebung krimineller Ausländer" befürworten, oder die 69%, die glauben, daß "Überbevölkerung .... zum ökologischen Kollaps der Erde (führt)" (ebd. 277 Tab. 17). Zusammengefaßt läßt sich verallgemeinern, daß "die Semantik von links ..... teilweise sehr uneindeutig (wird), wenn damit etatistische, expertokratische, elitistische oder sogar fremdenfeindliche Ideologeme einhergehen. Dies könnte darauf schließen lassen, daß es unter Studierenden politisch akzeptabel ist, sich als links zu betrachten, ohne daß damit verbunden wird, eine besondere Kohärenz der einzelnen Ideologeme herzustellen." (ebd. 241)
3. Festellbar ist eine zunehmende Wahrnehmung gesellschaftlicher Probleme aus einer (sozial-)technokratischen Perspektive. Dies drückt sich auch in einer Umbewertung von strukturellen Defiziten der Hochschulen aus. Die Isolierung der "ökologischen Frage" von der "sozialen Frage" wird in den politischen Bewußtseinsformen in wachsendem Umfang nachvollzogen. In dem Maße, wie dies geschieht, degeneriert politisches Handeln zur "Dienstleistung".
Bereits die Konstanzer stellten für den Zeitraum 1983 bis 1990 eine wieder zunehmende Technikakzeptanz gegenüber der Dekade zuvor fest. Der Eindruck einer "Technik-Bedrohung" ging an den Universitäten von 38% auf 28% zurück, ebenso die technik-skeptische Option einer anzustrebenden "Verringerung" des technischen Fortschritts (von ca 40% auf 30%; vgl. Bargel/Sandberger 1992, 90). Dies läßt sich zweifelsohne als schwindender Einfluß der Ökologiebewegung interpretieren (oder - je nach politischem Standort - als ihre "Zivilisierung"). Der Trend kann bei isolierter Betrachtung allerdings noch nicht negativ bewertet werden. In ihm könnte auch die Ausbreitung eines neuartigen reflexiven Technikverständnisses in Überwindung "anti-industrieller" Ausstiegsbestrebungen von Teilen der Ökologiebewegung zum Ausdruck kommen. Eine Problematik wird erst in Kombination mit anderen politischen Optionen sichtbar. Die tendenzielle Entkoppelung der Ökologiefrage von der Thematik ökonomisch-sozialer Strukturen, die sich etwa in der schon von Bargel herausgefundenen (sich überschneidenden) großen Akzeptanz der Ziele "Umweltschutz vor Wachstum" und "Sicherung der freien Marktwirtschaft" äußert (s.o.), führt folgerichtig dazu, die Lösung der entsprechenden Probleme stärker auf Technikarrangements und soziale Expertensysteme zu projizieren. Bei Demirovic/Paul (1996, 272 Tab. 13) befürworten 78% der Befragten die Zielsetzung "Ökologischer Umbau der Industriegesellschaft", 67% die "Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft" und 55% die "Sicherung der freien Marktwirtschaft und des freien Unternehmertums"; 78% wünschen sich, daß "unabhängige Experten bei politischen Entscheidungen mehr Einfluß hätten." (ebd. 277/Tab. 17)
Zu diesen Phänomenen gehört die Beobachtung, daß sich die Wahrnehmung von Defiziten der Massenhochschulen zunehmend von einer Kritik der Strukturen und Ausstattungsbedingungen in Richtung einer "meritokratisch-leistungselitären Tendenz" (Demirovic/Paul 1994, 88) verschiebt. Die "Abschaffung des Numerus Clausus" (und sonstiger Hochschulzugangsbeschränkungen) war etwa bis weit in die 80er Jahre eine unhinterfragbare linke Standardforderung gewesen, die sich als Option für die soziale Öffnung der Hochschulen und gegen die staatliche Überlastpolitik auf dem Rücken der Studierenden quasi von selbst begründete. In der ersten deutsch-deutschen Erhebung nun fand die Konstanzer Gruppe heraus, daß im WS 1992/93 nur noch ein Viertel (23%) diese Forderung für wichtig hielt (Ostdeutschland: 14%); drei Jahre zuvor waren es noch 37% (West) gewesen. (Bargel 1993, 10). Im Osten sprechen sich gar 35% an Universitäten für Zulassungsprüfungen durch die Hochschulen aus (West: 24%; ebd. 11) oder 73% (ebd.) für die "verstärkte Förderung besonders begabter Studierender" (West: 48%).
Dieser Trend der wachsenden Akzeptanz selektiver Mechanismen ist gesamtdeutsch, wobei das spezifische Ost-West-Gefälle innerhalb desselben anhält. "Die Studierenden an den westdeutschen Universitäten führen (für Studienzeitverzögerungen, d.Verf.) häufiger die Art der Studienorganisation und die mangelnde Beratung durch die Lehrenden an. (......) Ostdeutsche ...... verweisen demgegenüber häufiger auf die schlechten Berufsaussichten und das Fehlen von Sanktionen, falls die Studienzeiten nicht eingehalten werden." (Bargel et. al. 1996, 43 f). Gerade an den allerjüngsten Erhebungen fällt auf, daß ostdeutsche Studierende "viel häufiger auf reglementierende Maßnahmen (setzen), die von den westdeutschen Studierenden ganz überwiegend abgelehnt werden."(ebd. 46): 42 bis 46% befürworten etwa Studiengebühren für Langzeitstudierende (West: 20-25%). Im Kern drückt dies eine Individualisierung struktureller Defizite auf der Bewußtseinsebene aus. Die Akzeptanz von Studiengebühren und der Sanktionierung von Langzeitstudierenden ist insofern paradigmatisch, weil sich in diesen Mechanismen die gesamte ideologische Anlage der herrschenden Bildungspolitik mit ihrem spezifischen Problemverschiebungsmechanismus bündelt: Defizite der Institution werden zu subjektiven Defiziten der Studierenden. (Bultmann 1993, 71)
Bei Demirovic/Paul ist plastisch herausgearbeitet, daß die "Entideologisierung" und Entpolitisierung gesellschaftlicher Strukturdefizite einen entscheidenden Anteil an der Erosion linker Hegemonie haben könnte. Die Ergebnisse der hessischen Befragung werden von den Autoren etwa in Gestalt von acht relativ konsistenten Meinungsmilieus verallgemeinert. Von den jeweiligen "Extremen" her betrachtet ergibt sich folgendes Bild: die Gruppe der linken Basisdemokraten, die mit großer eigener Sicherheit und Widerspruchsfreiheit egalitäre, feministische, anti-rassistische etc. Positionen aktiv vertreten, umfaßt 14% der Befragten. (Demirovic/Paul 1996, 218 ff) Am anderen Ende der Skala bilden 13% die Gruppe der ("harten") Rechten, welche solche Elemente wie die Befürwortung eines "starken Staates", einer "Führungselite", von strikten Einwanderungskontrollen etc. zu einem relativ geschlossenen Weltbild verbinden. (ebd. 234 ff.) Dazwischen liegen "gemischte" Meinungsmilieus, die "von links nach rechts" wie folgt gegliedert sind (ebd. 221 ff.): linke Pessimisten (10%), Unsichere Linke (16%), Optimistische Linksliberale (18%), Unpolitische (9%), Pluralistische Konservative (7%), Neokonservative (10%). Die "Dynamik" von links nach rechts ergibt sich - stark vereinfacht - aus der zunehmenden Akzeptanz etatistischer, expertokratischer und/oder technokratischer ("sachzwanglogisch" begründeter) politischer Mechanismen, die auf der linken Skalenhälfte z.T. unverbunden neben demokratischen, sozialen oder egalitären Positionen stehen, um diese dann in den "rechteren" Meinungsmilieus tendenziell ganz zu verdrängen.
Aus dem Vergleich mit einer ähnlich gerichteten Befragung von Ende der 70er Jahre ergibt sich folgende Zusammenfassung des hessischen Projektes (ebd. 243): "Der Anteil der Konservativen ist unter unseren Befragten deutlich größer, die Gruppe der Liberalen ist kleiner, die drei linken Gruppen zusammen bilden nicht mehr die Mehrheit unter den Studierenden. Gerade die starke, zur Mitte neigende Gruppe der unsicheren Linken wie die Linksliberalen lassen in einzelnen Hinsichten durchaus Tendenzen zu konservativen und rechten Ideologemen erkennen. Dies gilt für die Zustimmung zur wertkonservativen Krisendiagnose, die Distanz zu demokratischen Prinzipien, die versachlichte Vorstellung von demokratischer Politik sowie die Neigung zu einem starken Staat und einer elitär verstandenen starken politischen Führung. Für eine mögliche Entwicklung ist auch von Bedeutung, daß ein großer Teil der zu den linken Meinungsgruppen gehörenden Personen, und das sind vor allem Frauen, zwar resistent gegen rechte Ideologeme sein mag, doch angesichts der negativ bewerteten Zukunftsperspektiven unsicher und resigniert ist und wenig Neigung zu politischem Handeln, wenn nicht sogar grundsätzliche Vorbehalte gegen Politik als Handlungsform erkennen läßt. Anders im Fall der Neokonservativen und der Rechten, die vor allem aus den oberen sozialen Klassen stammen und eine positive Beurteilung der eigenen wie der gesellschaftlichen Zukunft abgeben."
Abschließend soll noch einmal hervorgehoben werden, daß sich aus den verfügbaren Ergebnisse der empirischen Sozialforschung, keine gesicherten Prognosen über eine zwangsläufige künftige Entwicklung ablesen lassen: Der "diskursive Prozeß verläuft nicht zwangsläufig in eine Richtung. Viel hängt von den Konstellationen in den Institutionen, von aktiven politischen Gruppen, medialen Diskussionen und dem gesellschaftlichen Klima ab, die den Prozeß bremsen oder gar verhindern können. (ebd. 22)

V. Ansatzpunkte linker Hochschulpolitik

Die Fragestellung nach den Ansatzpunkten linker Hochschulpolitik kann weder im Sinne von Marktforschung oder parteipolitischer Sympathiewerbung noch bloßer Verantwortungsethik bearbeitet werden (Welche Nische gibt es für welche politischen Sprüche? Was kommt an? Wozu müßte mal wieder was gesagt werden? etc.) Sie ist vielmehr gleichbedeutend mit einer Diskussion über die gesellschaftlichen und gesamtpolitischen Bedingungen für eine Re-Politisierung der Hochschulen. Bequemer geht es nicht. Schließlich korrespondiert das, was etwa in der StudentInnenforschung als Resignation und/oder politischer Gesinnungswandel registrierbar - und kontrovers interpretierbar - ist, mit Erscheinungen der Entpolitisierung a) der Hochschule als Institution und b) gesellschaftlicher Problemkonstellationen generell im Kontext der Dominanz von "Standortpolitik". In den Worten von Joachim Hirsch (1995, 34 f): "Deshalb ist die Entpolitisierung der Universität höchst politisch. Sie bedeutet, daß die herrschenden Zustände und Entwicklungen in scheinbarer Abgehobenheit wissenschaftlich kommentiert, begleitet und damit gerechtfertigt werden. (......) Wenn die Institution, wenn das soziale System Wissenschaft als gesellschaftskritische Instanz versagt, kommt es umso schneller zur Identifikation mit der Macht und dem herrschenden Bewußtsein. Wer mit den Wölfen heult gewinnt immer noch am ehesten Popularität. Anerkennung des Bestehenden verschafft öffentliche Reputation." Diese Problemkonstellation kann folglich nicht allein subjektiv der sozialen Gruppe der Studierenden im Sinne eines moralischen oder voluntaristischen Verständnisses von (defizitärer) "Politisierung" zugerechnet werden.(3)
Als ein Schlüsselproblem - insbesondere in Anlehnung an die Untersuchung von Demirovic/Paul - läßt sich die zunehmende Zusammenhanglosigkeit und Beliebigkeit politischer Anschauungen zu gesellschaftspolitisch relevanten Einzelthemen begreifen. Dem liegt offenbar eine entsprechende Dissoziation von Erfahrungen zugrunde, die durch die Art und Weise wie Medien und politische Administration "Themen" bearbeiten noch bekräftigt wird. In dem Zusammenhang muß daran erinnert werden, daß dieser Mechanismus entsprechend der spezifischen Arbeitsteilung einer bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft der "Normalfall" ist: Probleme werden isoliert, aus ihren komplexen gesellschaftlichen Zusammenhängen und Verursachungsmechanismen gerissen und spezialisierten "Experten" für eine entsprechend isolierte Bearbeitung zugewiesen. (4) Ein solcher Mechanismus wird durch zeitgeistige "postmoderne" Strömungen eventuell verstärkt, aber nicht erzeugt. Er wird ebenso verstärkt durch das dominante politische Paradigma der "Standortsicherung", welches im Kern alle politischen und gesellschaftlichen Fragen, so auch Probleme des Bildungssektors, auf defizitäres ökonomisches Effizienzmanagement reduziert. Den so bedingten ideologischen Reflexen einer disparaten Wahrnehmung von Oberflächenphänomenen kann nur durch theoretische Anstrengung und politische Vermittlung gegengesteuert werden.
Innerhalb dieses Problemfeldes hat linke Politik ihren systematischen Ort. Bildlich gesprochen geht es darum, das in den Bewußtseinsformen "Getrennte" wieder zusammenzufügen, indem Probleme auf ihren gesellschaftlichen Kern zurückgeführt werden. Das hat nicht das Geringste mit einer pädagogischen Top-Down-Propagierung "geschlossener" Weltbilder zu tun. Es geht vielmehr um eine bestimmte Praxis, die Art und Weise, wie gesellschaftliche Fragen politisch bearbeitet, in der Öffentlichkeit gedeutet, interpretiert und eingeordnet werden, kurz: um die Wiedergewinnung von Definitionsgewalt, die sich bereits im Ansatz das Ziel setzt, "vermeintliche Sachzwänge progressiv zu politisieren." (Bieling 1996, 22) In dem Maße, wie beispielsweise Bildung auf ihre ökonomische Funktion reduziert wird, geht es in der Entwicklung einer alternativen Hochschulpolitik um nichts Geringeres als darum, "die Definitionsgewalt den Transnationalen Konzernen und exekutiven Staatsapparaten zu entreißen..." (ebd.) Unter den gegenwärtigen Bedingungen einer hegemonialen Standortpolitik, die auch darin ihren Ausdruck findet, daß immer größere gesellschaftliche Bereiche politischer Regulierung und demokratischer Kontrolle entzogen werden, ist folglich bereits die (Re)Formulierung vermeintlicher (ökonomische-technischer) Sachzwänge als politische Problemstellungen, die Ausdruck von Interessenwidersprüchen und offen für verschiedene konzeptionelle Alternativen - und damit überhaupt sinnvoller Gegenstand eigenen Handelns - sind, ein "progressiver" Akt (im zitierten Sinne).
Der inhaltliche Ansatz einer linken Hochschulpolitik muß dementsprechend auf die systematische Verbindung von Sozialpolitik, Strukturpolitik, Wissenschaftskritik und Gesellschaftsveränderung zielen. Damit wird der technokratisch-sachzwanglogische Charakter in der Präsentation herrschender Politik, die sich als juristische Bearbeitung zusammenhangloser, d.h. voneinander isolierter Einzelthemen darstellt - Motto: heute BAföG, morgen HRG-Novelle, übermorgen Veränderung des Dienstrechtes - tendenziell ebenso überwunden wie die ("ökonomistische") anlaßbezogene Zersplitterung politischer Proteste im Rythmus der jeweiligen etatistischen Vorgaben. Das bedeutet nicht, an jede Einzelfrage einen pädagogischen Rattenschwanz ideologischer "Ableitungen" zu hängen, sondern in Kritik der herrschenden Politik und in der Entwicklung einer eigenen Praxis die konzeptionelle gesellschaftspolitische Dimension des jeweiligen Konfliktes exemplarisch sichtbar zu machen, welche in der Selbstdarstellung offizieller Politik gerade nicht in Erscheinung tritt. Im Kern geht es in allen bildungspolitischen Fragen um eine Auseinandersetzung zwischen gegensätzlichen Menschenbildern und Gesellschaftsentwürfen. Dies kann abschließend an zwei aktuellen Beispielen recht gut verdeutlicht werden.
Die 18. BAföG-Novelle des Jahres 1996 beinhaltete folgende Operationen: zum einen wurde ohne jegliche materielle Verbesserung der Studienbedingungen die Förderungshöchstzeit um ein Semester im Schnitt gesenkt; zweitens wurde die Studienabschlußförderung auf ein banküblich verzinstes Volldarlehen - unter der Devise "Beteiligung der Studierenden an den Kosten ihrer Ausbildung" - umgestellt. Die ideologiepolitische Botschaft dieser Schritte besteht darin, daß jedeR für das Tempo seines Studiums selbst verantwortlich (und im Falle des Scheiterns selber schuld) und perspektivisch für die Nutzung öffentlicher Bildungseinrichtungen zahlungspflichtig ist. Beides sind - wenn auch kleine - Schritte innerhalb der neokonservativen Gesellschaftskonzeption einer Privatisierung öffentlicher Aufgaben (von der Kostenseite her) und der Individualisierung gesellschaftlicher Risiken. Dieser Grundkonflikt wurde allerdings, von Ausnahmen abgesehen, in den Reaktionen auf Rüttgers Vorstoß kaum sichtbar. Es dominierte vielmahr die Thematisierung von "Sparpolitik" und in der Interessenvertretung ein sozialmoralischer Betroffenheitsansatz. Im Rahmen eines solchen quälten sich beispielsweise Leipziger Studierendenvertreter bei der Organisierung von Protesten gegen die BAföG-Novelle mit einem "Legitimationsproblem" (Mai/Bretschneider 1996, 27) herum, weil nur die Hälfte der Studierenden BAföG erhalten würde (und von den politisch Aktiven offenbar noch weniger). Dies wurde offenbar nicht als künstliches Scheinproblem empfunden. Ein solches wird es jedoch im Rahmen der politischen Dimension des zugrundeliegenden Konfliktes: abgesehen davon, daß das strategische Ziel nur eine kostendeckende Ausbildungsfinanzierung für alle Studierenden sein kann, hat der Kampf für Chancengleichheit, demokratische und soziale Rechte seinen Legitimation in sich selbst - und nicht im Grad der Repräsentation einer sozialstatistisch verifizierbaren unmittelbaren "Betroffenheit" durch die Aktiven. (5)
Zweites Beispiel: Quintessenz der Legitimation offizieller Hochschulpolitik ist, daß die Hochschulen "effizienter" werden sollen. Bei vordergründiger Betrachtung spricht auch etliches dafür. Problematisch ist jedoch, daß den herrschenden Ansätzen dabei im Regelfall ein inhaltlich indifferenter Leistungsbegriff zugrundeliegt: "Effizienz" wird im Kern auf den technisch-ökonomischen Aspekt der Optimierung und Beschleunigung von Handlungsabläufen reduziert, wobei der gesellschaftliche und politische Aspekt von Bildung und Wissenschaft systematisch aus dem Blickwinkel gerät (und offenbar auch geraten soll). "Effizient" kann ein Prozeß oder eine Handlung jedoch nicht in sich selbst, sondern nur in Relation zur Erreichung definierter Ziele sein: "Die Steuerung von Hochschulfunktionen über Effizienzkriterien" setzt daher "die Definition von verallgemeinerungsfähigen gesellschaftlichen Zielen für Bildung und Wissenschaft voraus. Folglich handelt es sich nicht primär um eine ökonomische sondern um eine politische Frage, die im Kern auf den Grad an Demokratie, Mitbestimmung und gesellschaftlicher Beteiligung zielt. Ob die aktuell vordergründig technokratisch geführte Effizienzdebatte in eine wirkliche Hochschulreform mündet, hängt folglich davon ab, ob es gelingt, in der Öffentlichkeit diese Debatte zu politisieren und damit gleichzeitig Zielsetzungen von Bildung und Wissenschaft zu operationalisieren, die einem sozialstaatlich-ökologischen Paradigma verpflichtet sind." ("Münsteraner Erklärung" 1996, 5)
Gerade das letzte Beispiel verdeutlicht, daß in einem so verstandenen Handlungsansatz die Ausrichtung unmittelbarer hochschulpolitischer auf gesellschaftliche Problemkonstellationen systematisch enthalten ist; von der inhaltlichen und operativen Seite her betrachtet. Die Suche nach Kooperationsformen mit Teilen der Öffentlichkeit und sozialen Gruppen außerhalb der Hochschule ist folglich gleichzeitig darin angelegt. Da es bei der Wiedergewinnung von Definitionsmacht über die sozialen und politischen Interessen im jeweiligen gesellschaftlichen Teilbereich im Kern darum geht, "Politik nicht primär über den Staat, sondern von der Gesellschaft aus" zu denken und zu praktizieren (Bieling 1996, 22), ist die Entwicklung einer Gegenöffentlichkeit und die kontinuierliche Bearbeitung von Thematiken in verschiedenen Formen demokratischer Selbstorganisation für ein derartiges Politikverständnis konstitutiv.

Anmerkungen:
(1) Legt man die durchschnittliche Jahrgangsstärke der 18-22jährigen jeweils innerhalb dieser Sozialkategorien zugrunde, entspricht dies im Zeitvergleich 1982-1993 sogar einem absoluten Rückgang der Arbeiterkinder um mehr als die Hälfte (da diese Gruppe 1982 mit 451 Tsd. fast doppelt so stark war wie 1993 mit 240 Tsd.). (vgl. ebd. 34,35). Das "Wachstum" der Beamtenkinder erfolgte hingegen überproportional, da deren Jahrgangsstärke 1982 und 1993 relativ gleich groß war. (ebd.)
(2) Dieser Absatz ist eng angelehnt an einen Diskussionsbeitrag anläßlich einer Tagung des Jenaer Forums für Bildung und Wissenschaft am 24./25. November 1995 (vgl. Bultmann 1996a, 174 f)
(3) Deswegen greift jede isolierte Betrachtung von situativen politischen Verhaltensweisen und demoskopisch ermittelbaren Bewußtseinstatsachen, die dann im Sinne der Anmahnung einer "richtigen" politischen Gesinnung in Erinnerung an frühere Zeiten kommentiert werden (etwa: Beucker 1996), zu kurz (oder gibt höchstens über die Gesinnung des Autoren Auskunft).
(4) Wenn beispielsweise im vorliegenden Text des öfteren die Isolierung der Ökologieproblematik von der Thematik ökonomisch-sozialer Strukturen problematisiert wurde, dann macht dies nur in Referenz auf einen früheren ideologischen und politischen Zustand sozialer Bewegungen einen Sinn, wo dies offenbar weniger der Fall war. In der herrschenden Administrierung von Problemen ist diese Separierung die Regel. Es werden noch auf lange Sicht "Umweltministerien" neben "Wirtschaftsministerien" existieren.
(5) Es soll keineswegs bestritten werden - und insofern haben die beiden Leipziger Studierendenvertreter recht -, daß es ein praktisches Problem in der Organisierung von Protest sein kann, wenn viele Studierende solche Angelegenheiten, die nicht unmittelbar ihren Geldbeutel betreffen, politisch nicht als handlungsrelevant empfinden. Nur wird dieses Problem nicht dadurch gelöst, daß politische Interessenvertretung auf das Niveau einer Dienstleistung bzw. demoskopisch ermittelbaren "Durchschnittsmeinung" reduziert wird.
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Redaktionsschluß: 21.1.1997

 
 
 

































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