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Kommentare und Gegenkommentare zu Studiengebühren
"Den gewohnheitsmäßigen Donnerstags - Aufmärschen haben sich jetzt die ähnlich unpopulären Dienstags - Zusammenrottungen jener Studenten beigesellt, denen es wohl weit weniger ums Studieren als um Freifahrten, günstige Unterkunftsmöglichkeiten und ähnliche öffentliche Benefizien geht."
(Staberl (79), Kronen - Zeitung, 27.9.00)
Da hat Staberl recht, wenn er den Studi - Protesten "ähnliche Unpopularität" prophezeit wie den generellen Protesten gegen die Regierung. Er vergisst aber zu erwähnen, dass eben ER dafür verantwortlich ist, und das ist sicher nicht eventueller Senilität geschuldet. Mit Leuten wie Staberl, Wolf Martin und Peter Gnam braucht die Regierung eigentlich kein Geld mehr für Werbung auszugeben.
Genauso vermeintlich tattrig benimmt er sich, wenn er behauptet, es ginge den "Studenten, denen es weniger ums Studieren geht" nicht um die berechtigte Forderung nach nicht noch mehr Belastungen, sondern um Freifahrtsausweise, die man nur mehr im Antiquariat findet, da sie vor vier Jahren abgeschafft worden sind. Was die "günstigen Unterkunftsmöglichkeiten" anbelangt, so höre er sich einmal um, was für einen Heimplatz eigentlich verlangt wird, auch wenn er gemeinhin nicht viel größer ist als das Abstellkammerl in seiner Luxusvilla, wo er wahrscheinlich noch Erinnerungen aus der Zeit unter Adolf, äh, Hitler aufbewahrt. Lustig ist auch, wie er bereits im Anschluß daran von "ähnlichen öffentlichen Benefizien" spricht und damit kaschiert, dass ihm keine weiteren mehr einfallen. (Und das ist wieder nicht eventueller Senilität geschuldet, sondern dem Umstand, dass es ja nicht soviele davon gibt.)
Wohl in Verbindung mit der der Mächtigkeit seines Egos geschuldeten Vorstellung, dass das Universum dazu da sei, ihm in die Hände zu arbeiten, redet auch folgender schon etwas älterer Herr davon, dass die Proteste der Studierenden ein Schuß in den Ofen seien:
"Jeder Protest der Studenten gegen die Gebühren ist in der Bevölkerung ein Bonus für die Regierung. Die Protestierer sollten besser studieren und sich bei denjenigen dankbar zeigen, die die Steuern zahlen."
(Jörg Haider (50), Presse, 27.9.00)
Haider hat es halt auch nicht so leicht. Erfolg scheint er nur dann haben zu können, wenn er auch Erfolg hat, und weniger dann, wenn sein ramponiertes Ego ihm aus dem Konzept bringt.
Beispielsweise dadurch, dass er nur mehr "einfaches Parteimitglied" ist. Oder dadurch, dass ausgerechnet sein Finanzminister ihn in punkto Popularität weit abhängt, genauso Schüssel, der sich doch nicht als der nützliche Koalitionsidiot und Steigbügelhalter herausgestellt hat. Oder dadurch, dass er schön langsam beginnt, auf den Fotos auch nicht mehr so jugendlich auszusehen.
So verlässt er sich jetzt eben darauf, bei den Kärntner 80 - Jahres - Feiern sich als Kärntner Erlöser aufzuspielen und seiner generellen Liebe zu seinem Bundesland dadurch Ausdruck zu verleihen, dass er die Landeshymne einrappt (!), wofür ihm sogar die Kronen - Zeitung den Vogel zeigt. Oder eben mit seinem obigen Sager überhaupt nur mehr darauf, dass ihm wenigstens die Vollprolos zuhören, wenn zur Zeit jeder halbwegs geistvolle Mensch imstande ist, zu erkennen, dass Politik für ihn ein Mittel ist, sich wichtig zu machen.
Wenn Haider davon spricht, dass Studierende "denjenigen, die die Steuern zahlen" dankbar sein sollten, sei ihm gesagt, dass Bildung eine Investition ist, die gesamtgesellschaftlichen Wert aufweist und nicht nur dem/der einzelnen zugute kommt. Die Gegenbehauptung lässt sich nämlich auch in einem einzigen Satz ausdrücken.
(Und um dem Niveau der verblichenen (Schmerz!) "Täglich Alles" Referenz zu erweisen, könnte man auch sagen, dass ja auch Haider "denjenigen, die die Steuern zahlen" verdammt dankbar zu sein habe, da diese schließlich für seine "Dienstreisen" zu Onkel Ghaddafi aufkommen müssen. Besondere Ehrfurcht vor "denjenigen, die die Steuern zahlen" macht sich bei Haider aber nicht bemerkbar.)
"Aber daß diese Gebühren mehr oder weniger notwendig sind, ist an sich klar, sie sind in ganz Europa üblich; einzig Deutschland hat stattdessen einen Numerus clausus, der auch nicht unbedingt gerecht sein kann."
(Zu Zeit Nr 40, 29.9. - 5.10.00)
Keine Studiengebühren gibt es außerdem noch in Norwegen, Schweden, Finnland, Luxemburg, Griechenland, Dänemark und eingeschränkt Irland. In Frankreich fallen Studiengebühren in Form eines Verwaltungsaufwandes in der Höhe von ATS 3000/ Jahr an.
Bei dem FPÖ - nahen Wochenblatt wundert es aber nicht, dass in dessen Vorstellung "Europa" hauptsächlich aus Deutschland besteht. (Ausser, wenn`s Sanktionen gibt. Dann nur aus Frankreich.)
Bei blaugefärbtem Sinn für politische Redlichkeit muß in einem längeren Artikel über Studiengebühren aber natürlich noch mindestens eine zweite absolute Falschmeldung enthalten sein. Siehe da:
"Seltsam sind die Proteste der Studenten schon, denn gerade voriges Jahr wurde durch eine Studie festgestellt, daß ihr durchschnittliches Einkommen monatlich zehntausend Schilling beträgt, ..."
(ebenda)
"Zur Zeit" informiert hier exklusiv: Von einer Studie, die das durchschnittliche Monatseinkommen von Studierenden bei ATS 10.000 ansetzt, hat man vorher noch nie was gehört. Und es liegt wohl daran, dass sie gar nicht existiert.
"Heutzutage bilde(t) man die Menschen mit einer Schnelligkeit aus, in der die Bildung auf der Strecke bleibt ... Aufgabe der Universitäten ist es (meiner) Meinung nach, nicht eine beschleunigte Gesellschaft darzustellen, sondern sie sollen den Menschen Denkpausen verschaffen ... Schnellschüsse und Oberflächlichkeit im Denken und Handeln (sind) eine große Gefahr."
(Daniel Goeudevert, OÖN, 27.9.00)
Es macht natürlich einen eher komischen Eindruck, gegen vergebührte Unis, die die Wirtschaft ja nicht umsonst super findet, eine Ideal - Uni geltend zu machen, die sich den Prinzipien einer (dialektischen) Aufklärung verpflichtet, indem sie ihre ausbildungsmäßigen Inhalte in einem (meta)kritischen Reflexionszusammenhang vermittelt. Auch das höhere Bildungsystem ist den Erfordernissen der Zeit ausgesetzt, die über sie hinausschreitende Denkbewegungen blockieren bzw. in systemgerechter Verdrehung absorbieren.
Einen noch viel komischeren Eindruck macht es allerdings, dass Utopien überhaupt nicht mehr geltend gemacht werden. Beim Durchlesen irgendeines Feuilleton - Artikels über neue Anforderungen an die Bildung verwundert das Fehlen genuiner Bildungsinhalte und die Reduktion des Sinns universitärer Bildung, wahrgenommen als "Dienstleistung", auf das Ziel der möglichst effizienten strategischen Anordnungsmöglichkeit von als qualitative Größen gehandelten AbsolventInnen am Arbeitsmarkt.
Auch wenn es eine schöne Hoffnung ist, die Universitäten als Horte der in die Gesellschaft hineinwirkenden Aufklärung anzusehen, ist deren fatalistische Auslieferung und Eingliederung in die Marschordnung des Systems ein beunruhigendes Zeichen für die gegenwärtigen geistigen und bewußtseinsmäßigen Zustände. Und ist es nicht eine "Anforderung an die Bildung", sowas zu überwinden?
"Die gegenwärtige Produktionsweise erfordert mehr Flexbilität als je zuvor. Die größere Initiative, die in praktisch allen Lebensbereichen nötig ist, verlangt eine größere Anpassungsfähigkeit an wechselnde Umstände ... Aber die größere Leichtigkeit des Übergangs von einer Tätigkeit zur anderen bedeutet nicht, daß mehr Zeit verbleibt zum Nachdenken oder zur Abweichung von den etablierten Mustern."
(Max Horkheimer, "Zur Kritik der instrumentellen Vernunft", 1946 veröffentlicht)
Obwohl das natürlich akademisches Gerede ist, ist das Veröffentlichungsdatum 1946 eine gewisse Peinlichkeit für gegenwärtiges hippes Gefasel davon, dass man "flexibler" sein müsse, da sich die "Herausforderungen geändert" haben.
Besonderes Augenmerk wird zur Zeit ja auch der "Persönlichkeit" gewidmet. Wenn es als bildungsmäßiges Ziel verstanden wird, "Persönlichkeiten" zu entwickeln, könnte man meinen, alles sei im Grunde genommen in Ordnung. Doch wenn unter "Persönlichkeit" ein durch Rhetorik-, time management-, self - reflection- und negotiation fitness - Kurse aufgerüstetes Etwas verstanden wird, was dann? Bei ihnen zähle "der Faktor Mensch", lassen Unternehmen verlauten, und das ist ja klar. Wen soll man den sonst ausbeuten?
Die Persönlichkeit, die gefordert ist, ist also ein Punkt, der im Mulitvarianzraum der angebotenen und virtuellen Möglichkeiten von Märkten ausgestreut ist, und darauf wartet, sich irgendwo zwischen Angebot und Nachfrage entfalten zu können. Die unverschämte Ästhetisierung "flexibler Existenz" ist die Erhebung des dem Leistungsimperativ folgenden Daseins (schnell studieren und dafür zahlen als ein Beispiel) zur Lebensform und zum Halluzinogen, das alles verträglich macht und neben der Banalität der Netzwerk - Existenz darüber hinweg täuscht, dass die Gegenleistung, statt 35 Fernsehkanälen 350, ja auch nicht das Wahre ist.
Auch wenn sie rastlos plant, Strategien überlegt und Taktiken erarbeitet, ist die Wirtschaftsintelligenz so intelligent auch wieder nicht. In ihrem Drang zu unmittelbarer Operabilität vergisst sie, dass der Denkprozess, der überlegt, wie oft man einen Kapitalbetrag um die Erde jagen muß, bis dass er sich verdreifacht hat, nicht die Hohlform für die Erarbeitung einer Gesamtstrategie zur Bewältigung "neuer Herausforderungen" sein kann. Wenn man glaubt, dem obsoleten FachidiotInnentum Flexibles IdiotInnentum oder SystemidiotInnentum entgegensetzen zu können, sitzt man bald wieder in der Scheisse. Der Kapitalismus funktioniert eben nur dann, wenn er schlecht funktioniert.
Oder, um abschließend noch den Freaks Hallo zu sagen: Er funktioniert auch dann nicht.
So, das wars fürs erste von uns. Es liegt eben auch an Euch, liebe LeserInnen, diesem Zustand euren Widerstand entgegenzusetzen!
Wir danken nun noch uns recht herzlich, für die Erstellung dieses Infobladdls:
Kommunistischer StudentInnenververband
Innsbruck
und wir danken denen ganz herzlich zwecks kopieren:
und wir danken v.a. dem Philipp Hautmann, Sachbearbeiter am Referat für Bildungspolitik der ÖH an der Uni Linz, der sich für die Erstellung dieser schönen Texte verantwortlich zeichnet.
For more information:
Fachschaft Geiwi
Josef-Hirn-Str. 7/2 (also das ÖH-Gebäude)
6020 Ibk
Tel.: 0512/59424-26
e-mail: geiwi-oeh@uibk.ac.at
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